Der Krieg im Libanon ist zu Ende, aber der Friede im Nahen Osten ist damit noch nicht verbürgt. Gefahr lauert im Lande selber, wo Christen und Moslems einander argwöhnisch beäugen; Gefahr kündigt sich in der Konfrontation der beiden Besatzungsmächte Syrien und Israel an; und Gefahr droht vor allem aus den Hintergedanken der kämpfenden Parteien: der Palästinenser und der Israelis. Sind sie bereit, aus dem kleinen Frieden den großen Frieden zu machen?

Die Frage ist müßig, wer denn in dem Konflikt „gewonnen“ oder „verloren“ habe. Die Israelis sind heute militärisch obenauf, aber politisch haben sie den kürzeren gezogen: Nie war sich die Welt der Notwendigkeit, das Palästinenserproblem zu lösen, stärker bewußt als nach der elrwöchigen Belagerung von Beirut. Die PLO hingegen, deren Kämpfer zum Abzug genötigt wurden, ist politisch gestärkt aus der Feuerprobe hervorgegangen. Ein Israel, das keine Angst mehr zu haben braucht, ein Palästinenservolk, das neues Selbstvertrauen geschöpft hat – könnten sie nun miteinander ins reine kommen?

Die Palästinenser, als Kampforganisation schon zerschlagen und zerstreut, müssen sich jetzt fragen, was ihrer Sache mehr nützt: die Wiederaufnahme des Gefechts an anderen Fronten, auch der des Terrorismus, oder die Verlagerung des Akzents auf politische Mittel. Sie sind im Felde unbesiegt. Ließen sie ab von ihrer Verweigerung der Politik, erkennten sie Israel und seine Existenzberechtigung an, streckten sie ihm die Hand hin zur Koexistenz – die Welt wäre weithin auf ihrer Seite, wenn sie beharrlich den eigenen Staat forderten. Doch wären der gute Wille, das Ansehen, der neugewonnene Respekt rasch dahin, wenn sie es bei ihrer alten Unversöhnlichkeit beließen, die durch keine Realität mehr gedeckt wird.

Auf der anderen Seite: Wird Israel nun seinen Waffenerfolg im Libanon ummünzen wollen in einen vorläufigen Endsieg – durch forcierte Besiedlung des Westjordanlandes, ja durch dessen regelrechte Annexion? Wird es deshalb darauf beharren, die Autonomie-Gespräche über die besetzten palästinensischen Gebiete weiterhin zu blockieren, um der eigenen Herrschaft den Weg zu ebnen? Oder wird es im Erfolg Weitsicht beweisen und Realitätssinn – und durch Mäßigung den Frieden anstreben, den es auf die Dauer auch mit maßloser Waffengewalt nicht erringen oder sichern könnte?

Vieles wird von den Vereinigten Staaten abhängen. Ihr Unterhändler Philip Habib hat den Waffenstillstand zustande gebracht. Ihr Präsident muß nun den Rahmen einer dauerhaften Friedensordnung zimmern, die über Camp David hinausweist.

Siehe Seite 3 Th. S.