Von Helmut Hirsch

Anklagend stellte Jean-Paul Sartre nach Kriegsende fest: „Alle Schriftsteller bürgerlicher Herkunft haben die Versuchung der Unverantwortlichkeit gekannt.“ Es folgten Beispiele für berühmte französische Literaten, die sich Massenverfolgung nicht widersetzt haben. Der Historiker Shlomo Na’aman hat vor einem Jahrzehnt auf fast neunhundert Seiten das Scheitern des Arbeiterführers Ferdinand Lassalle nicht zuletzt durch seinen „Zusammenstoß mit der sozialen Realität“ erklärt. Nun verfolgt er in einem neuen Werk vor allen die unaufhörliche Flucht von Lasalles Mitarbeiter Moses Heß vor der Wirklichkeit:

Shlomo Na’aman: „Emanzipation und Messianismus. Leben und Werk des Moses Heß“; Campus Verlag, Frankfurt/New York 1982, 562 S., 85,- DM

Wer ist dieser Heß? Kölns Sozialdemokraten meißelten seiner Grabplatte 1903 die Ehrenbezeichnung „Vater der deutschen Sozialdemokratie“ ein. Ihre Nachfahren gestatteten 1961 ungerührt die Überführung seiner Gebeine nach Israel. Dabei hatte er testamentarisch verfügt, in Köln-Deutz beigesetzt zu werden.

Heß gehört zu den Gestalten aus dem breiten Spektrum der sozialen Emanzipationsgeschichte des 19. Jahrhunderts, die fast gänzlich vergessen, zur bloßen Chiffre oder zum Gegenstand jener Spezialisten geworden sind, die bequem auf einem Sofa Platz haben. Nichts findet sich über ihn in Hans Herzfelds „Lexikon der Weltgeschichte“. Nichts in Golo Manns deutscher Geschichte des 19. Jahrhunderts. Für die „heilige Geschichte des Marxismus“ – so nennt Na’aman die sowjet-offiziöse Lesart des Marxismus, in Anlehnung an Heß’ 1837 erschienenen Erstlings „Die heilige Geschichte der Menschheit“ – ist er laut Moskaus Marx-Engels-Werkausgabe in den 40er Jahren „utopisch-sozialistischer Publizist und Philosoph“, in den Bänden des folgenden Jahrzehnts gehört er zur „kleinbürgerlichen Fraktion“ der Kommunisten. Was die „heilige Geschichte des Zionismus“ angeht, so ist es, so urteilt Na’aman, Heß gelungen, in seinem bekanntesten Werk „Rom und Jerusalem. Die letzte Nationalitätenfrage“, erschienen 1862, „eine Synthese von Sozialismus und Zionismus herzustellen“.

Heß wird in Bonn 1812, fünfzehn Jahre nach Frankreichs Einverleibung des linken Rheinufers, geboren. Im nächsten Jahr ist seine Heimat wieder deutsch. Franzosen wie Deutsche durch Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge und Broschüren über ihbeiderseitigen Interessen zu belehren, wächst sich zu einer lebenslangen Tätigkeit des zwischen beiden Ländern hin- und herpendelnden Heß aus. Zunächst in einer der Orthodoxie verschriebenen Judengasse aufgewachsen, bekommt Heß 13jährig – der Vater zieht nach Köln – Kontakte mit der christlich-deutschen Kultur und beteiligt sich an der Gründung der liberalen „Rheinischen Zeitung“. Als deren Redakteur bekehrt Heß den jüngeren Friedrich Engels zum Kommunismus, erregt aber den Unwillen von Karl Marx, der ein gründlicheres Studium der aus Frankreich eindringenden sozialistisch-kommunistischen Ideen verlangt.

Dennoch gehört Heß zu denen, die Marx und Engels am Vorabend der Revolution von 1848/49 zu einer spöttisch „Wahre Sozialisten“ genannten Gruppe rechnen. Das, so erklärt das Kommunistische Manifest, seien die deutschen Philosophen, die den sozialökonomischen, politischen Kampf zum metaphysischen System kastrieren. Nach dem Sieg der Reaktion wirft Heß sich unter anderem auf das Studium naturwissenschaftlicher und nationaler Fragen. Bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Ferdinand Lassalle 1863 wird er zu dessen Kölner Bevollmächtigten. So entsteht Heß’ lassalleanische Rede und Schrift „Die Rechte der Arbeit“. Zuletzt hilft er der von Marx 1864 gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation.