Von Corinna Coulmas

Porträt einer Generation, der Generation des Pariser Mai ’68? Die Geschichte des französischen Judentums von Anbeginn der Emanzipation bis heute? Oder aber der moderne Bildungsroman eines nach dem Krieg von aus Osteuropa stammenden Eltern geborenen, jungen französischen Juden? Dieser von Hainer Kober ausgezeichnet übersetzte Essay ist vor allem ein Lobpreis des Gedächtnisses. Wo Identitätsprobleme durch Erinnerungsarbeit gelöst werden und nicht durch Selbstbespiegelung, weiten sie sich zwangsläufig zu Geschichtsbetrachtung und Gesellschaftsanalyse aus und werden, wie im vorliegenden Fall, zur Kritik jeglicher Art ideologischen Denkens:

Alain Finkielkraut: „Der eingebildete Jade“, Carl Hanser Verlag, München 1982, 201 S., DM 26,–.

Ein Gedächtnis aufzubauen, mit unendlicher Geduld Material zusammenzufügen, heißt, laut Finkielkraut, „den Toten zu dienen, und nicht umgekehrt. Weiß er doch, daß sie auf der Welt niemand haben als ihn“. Und so setzt auch Finkielkrauts Gedächtnis da an, wo die Amnesie am weitesten verbreitet ist (und das gilt, wie wir sehen werden, für alle beteiligten Seiten): am Völkermord der Juden durch die Nazis.

Eine Frage, die man nicht zu stellen gewohnt ist: Was bedeutet der Genozid jetzt, wo das Massaker vorbei ist? Was bedeutet die Tatsache, daß er keine Erben hat? Seit der Gründung des Staates Israel, die ein neues Selbstbewußtsein der jüdischen Gemeinden auch in der Diaspora zur Folge hatte, ist man geneigt, vor allen Dingen die Vitalität des heutigen Judentums zu betrachten, und vergißt dabei fast, daß die Vernichtung wirklich total war: Innerhalb weniger Jahre wurde eine einzigartige Kultur vom Erdboden getilgt, die jiddische Kultur. Das ist der Punkt, an dem Finkielkrauts Überlegung einsetzt: Eine Katastrophe ohnegleichen hat ihn von seiner Vergangenheit abgeschnitten, das Volk, zu dem er sich zählt, ist nicht mehr; ein „unstillbares, sehnsüchtiges Verlangen nach dem jüdischen Leben in Mitteleuropa“ ist sein ganzes Erbe. Deshalb ist er „als Aschkenas ein Jude ohne Substanz, ein Luftmensch“.

Ein eingebildeter Jude? Der Weg, den Finkielkraut zu durchmessen hatte, um zu dieser Feststellung zu kommen, war lang. Das ist die Geschichte einer Trennung, ein „Rückentwicklungsroman“. Finkielkraut gehört einer Generation an, die aus der Projektion gelebt hat. Wie für so viele seinesgleichen - das sollte für das Klima der Mai-Revolution 1968 eine wichtige Rolle spielen – war Seife Projektion eine doppelte: Als Jude hatte er sich mit den Leiden seiner Väter identifiziert, unter denen er nicht zu leiden hatte, und als Student der endsechziger Jahre hatte er im Geiste alle Unterdrückten dieser Erde hintereinander verkörpert und geglaubt, damit der Bestimmung des Judentums gerecht zu werden. Für ihn bedeutete seine jüdische Identität eine Möglichkeit, die eigene Leere zu füllen, die Garantie, nicht nur man selbst zu sein.

Denn alles war man zu jener Zeit, nur nicht man selbst. Mai ’68 oder die Hegemonie des Politischen – für die, die dabei waren, hieß das zweierlei: „Alternative und Unmittelbarkeit. Reduktion der Wirklichkeit auf eine binäre Struktur und die Gewißheit, in einer entscheidenden Epoche zu leben. Wir trugen die neue Welt unterm Herzen, und diese glückselige Schwangerschaft nannten wir Modernität.“