Von Richard Gaul

Selbst große Ereignisse werfen ihre Schatten nicht in jeden Winkel. So erschütterte der Fall der AEG zwar die deutsche Wirtschaft, aber „wer da nicht trauert, ist leicht zu sehen: Es sind all diejenigen, die mit dem, was man “Wirtschaft‘ nennt, keinen oder nur einen losen Kontakt haben“, hieß es in der vorigen Woche im Feuilleton der ZEIT. („Keine Tränen für die AEG“).

Auch sie aber sollten die Betroffenheit derjenigen teilen, die jetzt um ihren Arbeitsplatz fürchten. Nicht nur aus Mitleid, sondern auch aus Einsicht.

Denn der Zusammenbruch der AEG nimmt Menschen mehr als den Broterwerb. Arbeit heißt schon lange nicht mehr nur Verdienst; am Arbeitsplatz finden viele Menschen heute Selbstverwirklichung und die soziale Gruppe, mit der sie sich in langen Jahren identifizieren. Der Verlust des Arbeitsplatzes, ja schon die Angst davor, stört dieses Geflecht sozialer Beziehungen empfindlich. Allein das sollte schon eine Träne wert sein selbst für den, der seine Bestätigung woanders als am Arbeitsplatz findet.

Der Fall der AEG aber trifft nicht nur die AEG-Mitarbeiter. Als Symbol für die wirtschaftliche Krise droht er die Arbeitswelt zu verändern – wieder so zu verändern, wie sie nach Ansicht derjenigen, „die nicht trauern“, immer geblieben ist: brutal, kalt, menschenfeindlich. Eben der Heinz Dürr, der als Chef von AEG jetzt zum Vergleichsrichter gehen mußte, machte sich vor Jahren, als er noch Zeit dazu fand, Gedanken über das Unternehmen als „gesellschaftliche Veranstaltung“. Er tat das so oft, daß er bei seinen Arbeitgeber-Kollegen damit aneckte. Und auch die heute von den Arbeitern geforderte Mobilität, die Familien zu zerstören droht, sah Dürr, damals Präsident der württembergischen Arbeitgeber, anders: „Wir können nicht mehr verlangen, daß die Maischen zu den Fabriken kommen, wir müssen die Fabriken zu den Menschen bringen.

Bei AEG hat Dürr jetzt anderes zu tun, ein Erfolg des Schwaben bei dem Großkonzern hätte andere ermutigt, ihm, dem scheinbaren Außenseiter, auf seinem Weg zu folgen – sein Mißerfolg kann Rückschlag bedeuten.

Schlechte Zeiten, zwei Millionen Arbeitslose und jetzt noch die AEG-Krise fördern die Wirtschaft, die gemeint ist, wenn „Kaltherzigkeit“ gegenüber dem Fall des zweitgrößten deutschen Elektrokonzerns begründet wird: „Die Wirtschaft, wie sie gegenwärtig funktioniert, zerstört gerade jene Tugenden, denen sie ihr Dasein verdankt. Sie zerstört die Tradition der bürgerlichen Kultur. (...) Wir betrachten sie mit scheelem Blick, mißtrauisch, furchtsam.“ Das ist die Beschreibung einer Wirklichkeit, die vor Jahrzehnten aufgebaut wurde, der Wirtschaft von gestern.