Von Christel Hofmann

Sie feierte ihren fünfundachtzigsten Geburtstag – schon längst Witwe. Es war im Herbst. Durch die Felder ging eine Prozession. Die Leute trugen „Würzwische“ in den Händen, in deren Mitte ein Zweig vom Walnußbaum mit drei Nüssen steckte, Ähren darum herum und wilde Kräuter. Sie legte ihren „Würzwisch“ zwischen uns auf den rohen Tisch der Dorfkneipe. Unweit meiner Tasse war „fuck“ in den Tisch geritzt. Ich schob einen Bierdeckel darüber.

„Mir ist“, sagte die alte Dame, „als sei ich konvertiert. Mir ist, als hätte ich eine völlig neue Religion angenommen. Es ist alles ein Geplauder und Getue. Die Zügel sind fort, die den Christenmenschen lenken sollen.“

Sie riecht an ihrem Kräuterstrauß, sieht mich darüber hinweg mit blaßblauen Augen an und legt ihn wieder zurück.

„Nehmen Sie auch die Pille?“

Ich fasse nun auch nach dem Strauß, verstecke mich dahinter, rieche, gewinne ein bißchen Zeit und frage zurück: „Was ist mit der Pille, ist sie nicht gut?“

„Doch“, sagt die alte Dame, „sie ist so gut!“ Sie zieht das „so“. Ich schaue sie an. Sie ist fünfundachtzig. Ich sage nichts. Ich schäme mich meiner banalen Gedanken.