Von Klaus Pokatzky

Neulich kam einer und scherzte, er würde den Laden demnächst mit Benzin übergießen und dann anzünden: Er hätte nämlich jetzt schon genau 624 Filme ausgeliehen und damit ja wohl bald alle durch.

Mit dem Zündeln kann der Mann noch eine Weile warten – denn sein "Videoland" bietet an die 2000 Filmtitel, oft sogar in allen drei Video-Systemen: "VHS", "Betamax" und "Video 2000". Insgesamt hat. der Video-Club, der mit über 2000 Mitgliedern zu den größten in der Bundesrepublik gehört, fast 4000 Kassetten im Angebot. Und da sich "Videoland" seit seiner Gründung vor bald zwei Jahren zu einem recht erfolgreichen Unternehmen gemausert hat, darf der verhinderte Pyromane damit rechnen, daß die beiden Besitzer Klaus Mittelsteiner und Bernd Schoch auch in Zukunft über die nötigen Mittel verfügen werden, ihr Sortiment zu vervollständigen.

Zur Zeit bietet der bundesdeutsche Video-Markt 4000 verschiedene Filme an, jeden Monat kommen etwa 30 neue hinzu. Die großen internationalen Filmgesellschaften tragen durch eigene Video-Tochterunternehmen ebenso dazu bei wie kleinere Produzenten, die sich ganz auf den Vertrieb von Video-Pornos beschränken (Marktanteil 30 Prozent) – oder das ZDF, das, erst mal nur zur Probe, 20 schon ausgestrahlte Unterhaltungssendungen an Video-Vertriebsfirmen verkauft hat, "James Last in London" etwa und Harald Juhnkes "Musik ist Trumpf".

Überall in den großen, inzwischen auch in kleineren Städten, schießen sie aus dem Boden: Heute gibt es schätzungsweise 5000 sogenannte "Videotheken" mit insgesamt vier Millionen Leihkassetten, Hamburgs "Videoland" gehört zu den ersten. Zwei Drittel der Videotheken sind einfach zusätzliche Abteilungen, die sich pfiffige Rundfunk- und Fernsehhändler zugelegt haben. Der Rest geht auf das Konto branchenfremder Neulinge, die hoffen, beim Verleih von bespielten Videokassetten das schnelle Geld zu machen – oft genug, urteilt die Funkkorrespondenz, steckt regelrechte "Goldgräbermentalität" dahinter.

Das ist kein Wunder: Video ist schließlich eine beinahe explodierende Wachstumsbranche – Wirtschaftskrise hin, Arbeitslosigkeit her. Vor drei Jahren standen in 170 000 Wohnzimmern Video-Recorder, heute sind es bereits zehnmal soviel. 1981 wurde eine Viertelmillion der Geräte gekauft, dieses Jahr, so wird geschätzt,, werden es annähernd eine Million sein. 2,3 Millionen Besitzer von Video-Rekordern wären demnach Ende des Jahres imstande, ihr eigenes Privatfernsehen zu gestalten: durch Aufzeichnungen von Sendungen der ARD oder des ZDF – oder eben mit Film-Kassetten, die sie sich leihen.

Klaus Mittelsteiner, 42 Jahre alt, und Bernd Schoch, 31, haben rasch erkannt, das mit dem Verleihen von Filmen ein Geschäft zu machen ist. Mittelsteiner war EDV-Fachmann bei einem Mineralöl-Konzern, sein Nachbar Schoch Schiffsführer auf einem Schlepper im Hamburger Hafen, als sie vor dreieinhalb Jahren, "um mal was anderes zu machen", anfingen, nach Feierabend Video-Kassetten im Versand anzubieten. Als sie merkten, daß kaum ein Video-Besitzer am Kauf einer bespielten Kassette, etwa des "Paten" mit Marion Brando oder eines Pornos, interessiert ist – eine Filmkassette kostet schließlich über 200 Mark –, versuchten sie es mit dem Verleih. Im Oktober 1980 machten sie ihr Ladengeschäft in der Hamburger City auf. Zuvor hatten beide bei ihren Arbeitgebern gekündigt.