Eine Situation fast wie in Richard Wagners „Rheingold“: Während dort der eine Riese wehmütig über die entschwindende Schönheit meditiert, hat der andere flink und mit kühlem Kopf das Gold eingesackt; der Träumer, zu spät in die Realität erwacht, bricht unter den Hieben des Bruders zusammen. Nein, so direkt ist das nicht gemeint: Die Japaner werden sich mit Recht energisch dagegen verwahren, die Rolle des raffgierigen Totschlägers zugewiesen zu bekommen, und bei AEG-Telefunken hat ja weder ein konservativer noch ein avantgardistischer Ästhetizismus in die roten Zahlen geführt Aber die Branche Unterhaltungselektronik ist, das zeigt die zur Zeit in den Düsseldorfer Messehallen laufende „hifivideo 82“, in die Fasolts und die Fafners gespalten, deren Denkrichtungen gewissermaßen um neunzig Grad gewinkelt sind, aufeinander senkrecht stehen.

Nicht erst das Gerede und dann die Praxis der Rezession oder die zur Notwendigkeit pervertierte Tugend des Sparens haben die Branche in eine Kalamität geführt. Jack J. Schmuckli von einem der großen Japaner beschreibt es so: Wir haben mehr Geräte verkauft und mehr Geld eingenommen – aber weniger verdient. Und er ist noch gut dran – andere stöhnen noch lauter und deutlicher: Die Leute wollen nicht mehr kaufen.

Was ja auch kein Wunder ist. In 75 Prozent der bundesdeutschen Haushalte steht inzwischen ein Farbfernsehgerät, in jedem zweiten eine Hifi-Anlage. Vor wem aber mit den sogenannten High-End-Produkten, also den Geräten der Spitzenklasse, sind die wenigen Interessenten ausreichend versorgt, ist der Markt, wie es so schön heißt, gesättigt, legt man, wie es noch schöner klingt, eine Verschnaufpause ein. Um so heftiger also das Gerangel auf dem einzigen Produktmarkt, der noch größere Steigerungen verspricht: Video-Kameras und -Recorder.

Und prompt treten sich alle Anbieter wechselseitig auf die Füße und behindern sich selber bei einem Wettlauf, der nach den Regeln von Hase und Igel stattzufinden scheint! Immer ist schon jemand da, der hämisch darauf verweisen kann, daß er schon heute oder spätestens morgen noch höher (tiefer), größer (kleiner), präziser, naturgetreuer, komfortabler, vielleicht sogar servicefreundlicher, auf jeden Fall besser sein wird. Die materielle Fortschritts-Euphorie ist in dieser Branche noch in keinster Weise angeknackst, die Grenzen des technischen Wachstums zeichnen sich weder ab, noch werden sie von der Industrie sich selber verordnet.

Nun hat ja auch noch niemand herausgefunden, daß die Konzentration von immer mehr technischen Details eines Tuners oder Verstärkers auf immer kleinere Chips unser ökologisches Gleichgewicht störte, unsere Umwelt verschmutzte, unsere seelische Balance gefährdete – es sei die der Arbeitslosen. Auch die alternative Szene hört noch stereophon und mit high fidelity.

Aber erstaunlich ist es schon, wie im gebrochen der Innovationsglaube sich hat halten können: mit der neuen „Compact-Disc“, kurz CD, die zwar erstmalig die beiden Techniken der Zukunft, digitale Aufzeichnung und Laserstrahl-Abtastung, benutzt – aber wer von den jungen Leuten will die Tausender woher nehmen, um die Geräte zu kaufen, mit denen die jetzt produzierten „Neue Welle“-CDs abgespielt werden? Oder mit den neuen PCM-Prozessoren, die Digitaltechnik mit Videorecordern verbinden und die gewiß störungsärmste Tonaufzeichnung versprechen – aber werden wir jetzt alle Tonbandamateure, die ihre eigenen Konzertmitschnitte per Mikrophon herstellen?

Einzig eine junge, aus einem amerikanischen Rasierer-Konzern ausgegliederte Firma scheint sich eine branchenunübliche Zurückhaltung, um nicht zu sagen: Selbstverleugnung auferlegt zu haben. Sie versucht sich gewissermaßen von rückwärts her abzusichern, legt Wert vor allem auf hochwertige Lautsprecher und Verstärker, die auch die späteren digital aufgezeichneten Musikimpulse verkraften können, leistet sich dazu nach vorn in zwei Qualitätsstufen ganze sieben Geräte für das Abspielen oder Empfangen – setzt aber auf die Langlebigkeit und Integrationsfähigkeit dieser Teile in ein späteres System. Da werden sich doch nicht ein paar Grüne eingenistet haben?

Heinz Josef Herbort