Bankiers reden nicht gerne über das Thema; Politiker haben seine Brisanz lange nicht gesehen; Notenbankchefs versuchen zu beruhigen und zu verharmlosen. Ein offenes Wort riskiert allenfalls, wer kein offizielles Amt bekleidet. So bekannte Karl Schiller, daß er die Risiken des „gewaltig und gefährlich aufgetürmten internationalen Kreditgebäudes“ mit Sorge sieht. Der frühere Finanz- und Wirtschaftsminister stellte überdies eine Frage, auf die noch niemand eine Antwort gegeben hat: Wer letztlich alles bezahlen soll.

Diese Frage zu stellen, besteht genügend Anlaß. Die Verschuldung von Industrie- und Entwicklungsländern in Ost und West bei den internationalen Banken hat innerhalb der letzten Jahre in atemberaubendem Tempo zugenommen. Innerhalb weniger Jahre ist sie um das Fünfzigfache gestiegen und hat inzwischen eine Größenordnung erreicht, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Auf über fünf Billionen oder fünftausend Milliarden Mark summieren sich die Beträge, die die Banken auf den internationalen Geld- und Kapitalmärkten eingesammelt und an kredithungrige Staaten weitergegeben haben – ohne immer genau zu prüfen, wie diese jemals ihre Schulden wieder tilgen sollen.

Zu den wichtigsten Schuldnerländern gehören dabei Staaten wie Polen, Argentinien, Mexiko und Brasilien. Bei Polen und Mexiko ist inzwischen aktenkundig, daß sie sich übernommen haben. Während noch Hoffnung besteht, daß Mexiko sich nach der internationalen Rettungsaktion und neuen Milliardenkrediten wieder soweit fängt, daß Zinsen und Tilgung für seine 200-Milliarden-Schuld auch auf längere Sicht bezahlt werden können, wird Polen dazu auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein.

Bei den Verhandlungen geht es deshalb vor allem darum, die Uneinbringlichkeit der im Westen geborgten 67 Milliarden Mark soweit zu kaschieren, daß die Banken nicht gezwungen sind, diese Kredite offiziell abzuschreiben. Viele der rund fünfhundert Gläubigerbanken kämen sonst in arge Bedrängnis. Deshalb geht es nicht nur für Polen, sondern auch für viele Kreditinstitute darum, Zeit zu gewinnen, um die Verluste durch Wertberichtigungen in den Bilanzen langsam tilgen zu können.

Doch damit wird das Geld nicht zurückgezaubert. Letztlich müssen andere Kunden, der Fiskus und die Aktionäre für die Verluste geradestehen: durch höhere Zinsen und Gebühren, entgangene Steuern oder fällige Bürgschaften und niedrige Dividenden. Im Ergebnis wird die polnische Marx- und Murkswirtschaft so zu einem großen Teil vom Westen bezahlt.

Ähnliches – allerdings in weit größeren Dimensionen – droht immer noch in Mexiko. Hier hat eine falsche Einschätzung des Ölbooms und ein leichtfertiger Glaube an viel zu ehrgeizige Entwicklungspläne dazu geführt, daß Hunderte von Banken dem Land noch bis vor kurzem die Milliarden geradezu nachwarfen, um die sie heute zittern müssen. Jetzt müssen sie dem Land Geld leihen, damit es seine Zahlungsverpflichtungen erfüllen kann. Sie haben sich selber zu Geiseln ihrer großen Schuldner gemacht. Polen und Mexiko werden keine Ausnahmefälle bleiben.

Es wird höchste Zeit, daß dieses Finanzkarussell nicht weiter beschleunigt, sondern gebremst wird. Doch dies muß sehr behutsam geschehen. Die notwendigen Restriktionen in den Schuldnerländern könnten sonst deren ohnehin vielfach desolate Wirtschaftslage so verschärfen, daß es zu politischen Unruhen, Umstürzen und anderen Panikreaktionen kommt. Kredite in Höhe von vielenhundert Milliarden gerieten in Gefahr, der Welthandel würde schwer erschüttert – und die Katastrophe wäre da, die es doch zu verhindern gilt.

Michael Jungblut