Zins- und Börsenprognosen lösen in den USA lawinenartige Spekulationswellen ans

Man nennt sie Dr. Doom und Dr. Gloom. Henry Kaufmann und Albert Wojnilow-Tiger, die Chefökonomen der New Yorker Investmenthäuser Salomon Brothers und First Boston Corporation, haben sich ihre Spitznamen durch ihre düsteren Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung in den USA erworben. So ganz falsch lagen die beiden Propheten des Weltunterganges damit nicht. Die gestiegene Arbeitslosigkeit, die Welle von Pleiten und die Gerüchte über bevorstehende Bankzusammenbrüche passen nahtlos in das Bild von Doom und Gloom.

Allerdings, was die Zinsentwicklung anbelangt, liegen die beiden seit ein paar Wochen nicht mehr richtig: statt aufwärts gingen sie plötzlich abwärts. Das zwang die beiden, ihre Prognosen zu überdenken. Anfang der Woche gab Wojnilowger bekannt, daß er nunmehr sinkende Zinsen erwarte. Tags darauf bestätigte Salomon Brothers, daß auch Kaufmann eine Vorhersage veröffentlichen werde, wonach die Zinsen weiter runtergehen.

Die Nachrichten schlugen an der Börse wie eine Bombe ein. Eine halbe Stunde später war der Teufel los und der Dow Jones-Index zehn Punkte geklettert. Bei Börsenschluß war der Index um 38,81 Punkte höher – der stärkste Anstieg innerhalb eines Tages in der Geschichte der New Yorker Börse. Am nächsten Tag wurden dann noch mehr Aktien umgeschlagen als an jenem 17. Januar 1981, dem Tag als der Investmentberater Josef Granville seine Kunden telegrafisch aufforderte: Alles verkaufen.

Diesmal hielten sich die Spekulanten an die Devise: Alles kaufen. Am Ende der vergangenen Woche war der Dow Jones-Index um 81,24 Punkte auf 869,29 Punkte gestiegen, und manche Börsianer träumen seitdem wieder davon, daß der Kursindex nun bald die im Jahre 1973 erreichte Rekordmarke von 1051,70 übersteigt.

Darauf wird man aber wohl noch etwas warten müssen. So rosig sieht die Zukunft ja nun plötzlich auch nicht aus. Irgendwann werden sich die Börsianer wohl daran erinnern, daß Dr. Doom und Dr. Gloom die günstige Zinsentwicklung nur als Begleiterscheinung einer sich verschärfenden Wirtschaftskrise ansehen, welche die private Nachfrage abwürgt und dadurch Platz schafft für die Finanzierung der Haushaltsdefizite. Eine Reihe von Beobachtern hält den Gesundheitszustand der US-Wirtschaft freilich für wesentlich robuster. Sie erwarten deswegen, daß die gesunkenen Zinsen schnell wieder eine Pumpwelle entfesseln werden, die den Zinsverfall bald zum Stehen kommen läßt und im nächsten Jahr möglicherweise wieder in einen Anstieg einmündet – eine Wiederholung von 1980/81.

Jes Rau