Von Hans-Christoph Blumenberg

Das schmale Haus auf dem Hügel dämmert seit 22 Jahren unbewohnt in der kalifornischen Sonne. Sein letzter Besitzer, ein gewisser Norman Bates, ist unheilbar krank: ein ödipal fixierter Triebtäter, ein schizophrener Lustmörder, ein Fall für die geschlossene Abteilung einer Nervenklinik. Tausende von Besuchern haben den Ort des Schreckens inzwischen mit leisem Schaudern bestaunt. Hier hat Norman Bates die Mumie seiner Mutter aufbewahrt, einen allzu neugierigen Gast seines Motels auf der Treppe er-Mumie in der Baracke gegenüber eine attraktive Blondine unter der Dusche zerstückelt. Von Norman Bates war lange nichts mehr zu hören.

Im Sommer 1982 muß man wieder mit ihm rechnen. Norman Bates kehrt zurück in die baufällig gewordene Stätte seiner Untaten. Das alte Haus, frisch gestrichen und renoviert, erstrahlt zum zweitenmal im Glanz der schweren Scheinwerfen Und übers Jahr wird man im Kino besichtigen können, was der legendäre Besitzer der Horror-Herberge bei seiner Wiedererweckung auszurichten versteht: Auf dem Gelände des Universal-Studios in Hollywood entsteht in diesen Wochen die späte Fortsetzung von Alfred Hitchcocks „Psycho“, abermals dargestellt von Anthony Perkins als Norman Bates, inszeniert von dem australischen Regisseur Richard Franklin, der sich vielleicht unbefangener dem Vergleich mit einem Meisterwerk stellen kann als ein amerikanischer Kollege.

Das spöttische Etikett der „Sequel City“, der Stadt der Fortsetzungen, trägt Hollywood schon lange, aber noch nie schien dieser Name so angebracht wie in den frühen achtziger Jahren. Das absurde Comeback des Norman Bates ist nur der deutlichste Ausdruck einer Tendenz, die sich mit Ziffern benennen läßt: „Rocky III“, „Grease II“ und „Halloween II“ heißen erfolgreiche Filme dieses amerikanischen Kino-Sommers. Vom zweiten Aufguß der Fernseh-Serie „Raumschiff Enterprise“ („Star Trek II – Der Zorn des Khan“) bis zur Fortsetzung der Gauner-Komödie „Der Clou“ („The Sting II“) halten sich die Produzenten an bewährte Rezepte und eingeführte Markenzeichen.

Ein billiges Medium war das Kino noch nie. Doch in den letzten Jahren stiegen die Produktionskosten in Hollywood so drastisch, daß der Erfolg oder Mißerfolg eines einzigen Films über das Schicksal einer ganzen Firma entscheiden kann. United Artists investierte rund 50 Millionen Dollar in Michael Ciminos düsteren Western „Heaven’s Gate“ – und ging daran kaputt. Francis Coppola riskierte 25 Millionen Dollar für seine artifizielle Nacht-und-Neon-in-Las-Vegas-Ballade „One from the Heart“ (Einer mit Herz) – und mußte vor einigen Monaten sein funkelnagelneues „Zoetrope“-Studio in Los Angeles verkaufen.

Die durchschnittlichen Produktionskosten eines Hollywoodfilms liegen inzwischen bei 11,3 Millionen Dollar. Das sind ungefähr 28 Millionen Mark: erheblich mehr, als selbst die teuersten deutschen Filme der letzten Jahre („Das Boot“, „Der Zauberberg“, „Fitzcarraldo“, „Lili Marken“) gekostet haben. Nach amerikanischem Maßstab nimmt sich also selbst das 20-Millionen-Mark-Ding „Das Boot“ wie eine bescheidene „Low Budget’-Produktion aus. Investitionen von 15 bis 25 Millionen Dollar für einen einzigen Film sind längst nicht mehr ungewöhnlich. Das hat Folgen: auch ästhetische.

Ein Schlittenhund flieht durch eine weiße Einöde irgendwo in der Antarktis. Ein Hubschrauber macht Jagd auf das Tier. Schüsse fallen. Der Hund rettet sich in eine amerikanische Forschungsstation. So beginnt das Unheil. Denn im Hundekörper lauert unsichtbar ein Wesen aus einer fremden Welt. Es kriecht in Tiere und Menschen hinein: ein tückisches Monster, unter dessen Druck die Leiber zerbersten. Wenn es wütet, wächst es zur Größe eines Einfamilienhauses: eine gräßliche Kreation mit blutigen Fangarmen, wabbelnden Eingeweiden, schleimigen Häuten Vor einem solchen Monster hätte sich sogar der selige Doktor Frankenstein mit Grausen gewendet.