Annehmbar

„Fucking City – Verdammte Stadt“ von Lothar Lambert. Einen vergnüglichen Film verspricht dieser Titel nicht. Dennoch wird viel gelacht im Kino: vor allem über den Homosexuellen Kurtchen – von Lothar Lambert mit Sinn für Ironie, aber auch in einer leicht überzogenen Spielweise dargestellt. Lambert, seit zehn Jahren Low-, manche sagen auch No-Budget-Filmer (die Produktionskosten lagen bei 20 000 bis 25 000 Mark), spielt eine von vier Hauptfiguren, die im heutigen Berlin ein eher trauriges Dasein führen. Die Ehe von Helga und Rüdiger besteht nur noch aus Langeweile und Streit; Kurtchen, Verkäufer in einer Fleischerei mit Hang zum sozialen Engagement, sucht das große Glück und findet doch nur das flüchtige Abenteuer in nächtlichen Parks; seine Schwester Klara (Dagmar Beiersdorf), Unschuld vom Lande, wird mit einem Ausländer verkuppelt, und seine Reaktion auf ein einfaches Lächeln Klaras verheißt nichts Gutes. Neben diesen traurigen, zuweilen ironisch erzählten. Geschichten handelt „Fucking City“ vor allem vom Filmemachen. Rüdiger, der frustrierte Ehemann, hat einen Traum, eher wohl einen Kompensationsdrang: Er will einen Film machen. Über dieser Obsession verliert er jeden Sinn für Menschlichkeit. Er beutet seine Frau aus, indem er sie, allein oder mit jungen Ersatzliebhabern, zu lustvollen Posen vor die Kamera zwingt. Da das alles sehr dilettantisch aussieht, wird auch hier gelacht, sicherlich von Lambert beabsichtigt, wenngleich nicht ohne Hintersinn. Wer Lambert-Filme kennt, weiß, was ihn erwartet: weder handwerkliche Perfektion noch wohldurchdachte Konzeption. „Fucking City“ ist möglicherweise der letzte Film dieser Art. Lambert ist ehrgeizigeren Plänen gegenüber nicht abgeneigt. Nach zehn Jahren Underground also: Warten auf das große Kino?

Anne Frederiksen

Mißglückt

„Jägerschlacht“ von Wigbert Wicker. Weil der tyrannische Landesherr (Günther Ungeheuer) im Gebirge ungestört sein Wild jagen will, untersagt er seinen Untertanen den Viehauftrieb in der Hochalm. Ein braver Jungbauer (Bernd Stephan), der zwei Semester Jura studiert hat, widersetzt sich trutzig dem Weideverbot und wird zum Wilderer, als ihm die Kühe erschossen werden, und zum legendenumwobenen Rebellen, nachdem man seinen kleinen Bruder mißhandelt und seine Mutter in den Tod getrieben hat. „Warum erzählen wir nicht unsere Legenden, Mythen und Märchen, unsere Wirklichkeit?“, fragte sich Wigbert Wicker, recherchierte zwei Jahre lang die Hintergründe der historischen „Jägerschlacht am Grund“ (1833) und drehte, in Co-Produktion mit dem ZDF, diesen Heimatfilm. Denn: „Regisseure wie Hawks, Ford, Zinnemann haben ihren Western als Heimatfilm so ernst genommen, daß sie erzählerisch die anspruchsvollsten Strukturen des klassischen Dramas verwendeten. Mit filmtechnischen Mitteln sorgten sie für Spannung und setzten Natur und Menschen so verblüffend ins Bild, daß sie aus Western einen Stoff für die ganze Welt schufen.“ Wie Wigbert Wicker („Car-Napping“) seinerseits Natur und Menschen ins Bild setzt, ist auch verblüffend: wackere Mannsbilder in bunten Trachtenkostümen, die angestrengt mimend durch eine idyllische Bergwelt stolpern. Da die von ihm verwendeten erzählerischen Strukturen die einer betulichen Fernsehdramaturgie sind und seine filmtechnischen Mittel sich im ausgiebigen Einsatz elektronischer Echoeffekte am rauschenden Wildbach erschöpfen, ist dieser „große deutsche Spielfilm vom einsamen Rächer“ (so die Werbeschlagzeile) etwa so spannend wie ein deutscher Kulturfilm aus den fünfziger Jahren. Ernstgenommen allerdings hat Wigbert Wicker diese Alpensaga eines Michael Kohlhaas auf der Alm, die erst „Andreas, der Rebell“ und dann „Ein Mann wie ein Fels“ heißen sollte, durchaus. So penetrant ernst, daß oft der Eindruck unfreiwilliger Komik entsteht. Helmut W. Banz

Empfehlenswerte Filme

„Domino“ von Thomas Brasch. „Etwas wird sichtbar“ von Harun Farocki. „Yojimbo – Der Leibwächter“ von Akira Kurosawa. „Der Feind“ von Zeki Ökten und Yilmaz Güney. „Tote tragen keine Karos“ von Carl Reiner. „Die Frau des Fliegers“ von Eric Rohmer. „Drei Brüder“ von Francesco Rosi. „Reisender Krieger“ von Christian Schocher. „Gallipoli“ von Peter Weir.