Die Havel, so schrieb Theodor Fontane, „ist ein aparter Fluß; man könnte ihn seiner Form nach den norddeutschen oder den Flachlands-Neckar nennen.“ Am letzten Wochenende konnte sich Bundespräsident Karl Carstens davon überzeugen, daß die Havel noch ebenso apart ist wie vor hundertundzehn Jahren. Auf der 45. seiner Wanderungen durch Deutschland schritt der Bundespräsident das Havelufer ab, bis es nicht mehr weiterging, bis an die Grenze zur DDR, hinter der Potsdam im Dunst lag. Nur ganz so flach ist die Havellandschaft nicht mehr: die Wanderung begann am 115 m hohen Teufelsberg, der nach dem Krieg aus Trümmerschutt entstanden ist, und sie endete im Schloßpark von Klein-Glienecke, einem Berliner Juwel, dessen Rekonstruktion nach den alten Plänen von Leone, Pückler und Schinkel jetzt weitgehend abgeschlossen ist.

Ungefähr tausend Begleiter hatte Carstens bei seiner 24 km langen Wanderung, und nicht alle waren Berliner. Einige Wandersleute, junge und 70jährige, lassen es sich nicht nehmen, Carstens auf jeder seiner Etappen zu begleiten, und sie haben dabei nicht nur 1130 km zu Fuß, sondern zwecks An- und Abreise auch über 20 000 km mit der Bahn zurückgelegt.

Ständige Begleiter in Berlin waren aber auch die Sorgen, die sich jedermann in der Stadt über die geplante Schließung des AEG-Werkes Brunnenstraße macht. Der Regierende Bürgermeister von Weizsäcker besprach dies auf dem langen Fußmarsch mit dem Bundespräsidenten, und als gegen Ende der Wanderung, vor der Kirche St. Peter und Paul in Nikolskoe, zwei Dutzend AEG-Arbeiter auf einem Transparent forderten: „AEG darf nicht sterben“, da war Carstens bestens informiert und versprach zu tun, was in seiner Macht stehe. So wurde der Bundespräsident bei seinem Waldlauf, der bei derart viel Begleitung und Begleitschutz ohnehin nicht recht besinnlich werden konnte, in die umwölkte Gegenwart zurückgeholt,

Tags darauf, bei einem sonntäglichen Segeltörn auf der Havel lief Carstens mit dem Boot des Akademischen Segler-Vereins auf Grund; die Wasserpolizei mußte es freischleppen. Ein Omen für Gegenwart und Zukunft der AEG? Bundessenator Blüm setzte deutliche Zeichen: Er sagte das für den 8. September geplante „Laubenpieper-Fest“ der Bonner Berlin-Vertretung ab, als „Ausdruck der Betroffenheit der Berliner und ihrer Solidarität mit den Arbeitnehmern der AEG“.

Joachim Nawrocki (Berlin)