„Meine Wallfahrt nach Mekka“. Aus der Tatsache, daß es Nicht-Muslimen verboten ist, die heiligen Stätten des Islams im Hedschas zu betreten, hat sich für manche Europäer, eine besondere Herausforderung ergeben, eben dies zu versuchen. Zu den wenigen, denen es im 19. Jahrhundert glückte, nach Mekka zu reisen und heil zurückzukehren, gehört der sächsische Edelmann Heinrich von Maltzan (1826-1874). Im Jahre 1865 veröffentlichte er den Bericht über die Wallfahrt, die er 1860 in der Verkleidung eines algerischen Pilgers (mit geborgtem Paß) unternahm. Das Buch machte ihn weithin bekannt, doch waren sich die europäischen Arabisten und Islamkundler bald darüber einig, daß von Maltzans Erzählungen gegenüber dem, was damals im Westen bereits bekannt war, so gut wie keine neuen Erkenntnisse brachten, ja daß sie einige allzu leichtfertige Ausflüge in die arabische Etymologie und die islamische Geschichte und Glaubenswelt enthalten. Mit dieser Feststellung ist noch nichts gegen die Wiederauflage des Buches gesagt. Als Reiseschriftsteller ist von Maltzan – im Stil seiner Zeit – durchaus auf der Höhe; seine Porträts einiger Pilgersleute und anderer Muslime, mit denen er zusammenkam, zeigen gute Beobachtungsgabe, und manche Bräuche und örtlichkeiten, die er beschreibt, sind inzwischen verschwunden – so etwa das angebliche Grab Evas bei Dschidda, dessen vom Verfasser launig beschriebene volkstümliche Verehrung in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts von den neuen Herren des Landes, den wahhabitischen Saudis, rigoros unterbunden worden ist. Im übrigen kann das Buch auch als Quelle für das Studium der Geisteshaltung dienen, mit der Europäer (auch heute noch) den Islam und das muslimische Glaubensleben betrachten: Von Maltzans (dem Schreiber dieser Zeilen durchaus sympathische) skeptische, oft ironische Betrachtungsweise schlägt nicht selten in billige Vorurteile und unverhohlenen Kultur-Chauvinismus um. Dazu hätte der Herausgeber in seinem Vorwort ruhig ein deutlicheres Wort sagen sollen, denn noch Kann man nicht sicher sein, daß ein deutsches Publikum im Jahre 1982 durchweg und ganz von sich aus bereit und in der Lage ist, diese Äußerungen mit kritischem Abstand zu lesen. (Herausgegeben von Gernot Giertz; Erdmann Verlag, Tübingen, 1982; 302 S., 36,– DM.) Werner Ende

*

„Bella Donna“, Gedichte von Anna Rheinsberg. Diese Gedichte haben, was heute selten ist: Intensität. Man spürt, durch fast alle Zeilen, den Menschen, der das schrieb, und merkt, daß eine Frau schreibt. Anna Rheinsberg, die mit Barbara Seifert die Anthologie „Unbeschreiblich weiblich“ herausgegeben hat, kommt aus der Frauenbewegung. In manchen brutal wahrheitsliebenden Stücken arbeitet sie Traumata verklemmter Erziehung auf, Sexualerfahrungen weiblicher Pubertät Doch das aufklärerische Engagement in Sachen Mitschwestern ist nicht das einzige Thema dieser Autorin, die Witz und Phantasie hat. Da gibt es pointierte Formulierungen: „Die Avantgarde zieht die Spendierhosen / mit dem Schuhlöffel an“; oder es heißt, die Blickweise des typischen Macho karikierend, die Frau müsse alles sein: „Geliebte und Putze und Amme und Nutte in einem.“ Auch Metaphern finden sich: „Der Schnee legt sein Veto ein.“ Manch Kraftmeierischem wirkt Empfindungszartes, ja Graziöses entgegen. (Verlag Michael Kellner, Kleiner Schäferkamp 50 c, 2000 Hamburg 6; 63 S., 7, – DM.) Hans-Jürgen Heise