Eine Zusammenarbeit zwischen SPD und Grünen wird so leicht, wie sie scheint, nicht sein. Tatsächlich stellt die bloße Existenz der Grünen die SPD vor eine Zerreißprobe – mit und ohne Zusammenarbeit. Umgekehrt geraten die Grünen durch die für sie unausweichliche Frage der Zusammenarbeit mit der SPD ebenfalls in eine Zerreißprobe, in der für sie sogar ihre gesamte weitere Existenz auf dem Spiel steht.

In der SPD wurden die Konfliktlinien jüngst beim Streit um die Löwenthal-Thesen deutlich. Die Mehrheit bildet eine gewerkschaftlich und sozialbürokratisch geprägte Traditionsfraktion, welche die Entwicklung der SPD zur Volkspartei für vollendet hält. Weitere Teile des Volkes, insbesondere jugendliche Aussteiger, Randgruppen und die neuen sozialberuflichen Mittelschichten möchte sie nicht mehr integrieren. Die Mehrheit fürchtet, sonst die Arbeitnehmerschaft in der Industrie als angestammte Wählerbasis zu verlieren.

Zwischen „Arbeitern und Aussteigern“ wird ein unüberbrückbarer Graben gezogen. Der legendäre „Kumpel in Dortmund“ erhält seinen demonstrativen Platz vor dem ominösen „Naturfreund in Ostfriesland“. Die Bürgerinitiativen gegen Kernkraft, Autobahn- und Flughafenerweiterungen gelten als unmittelbare Feinde der Beschäftigten in der Bauwirtschaft, Die Ökologie erscheint als Gegensatz zur Ökonomie.

Dem steht eine Minderheit gegenüber – die „Samtjacken-SPD“, welche die Partei für die neuen Fragen und sozialen Schichten öffnen möchte, teils aus Überzeugung und teils aus der Überlegung, die Betroffenen der SPD eben nicht als Grüne und Alternative davonlaufen zu lassen. Es ist genau besehen nur diese Minderheit, die sich bei einer Zusammenarbeit mit den Grünen nicht schwertun würde. Es sind jene Kräfte, die selbst schon früh über „Doppelstrategie“ philosophiert, Basis-Initiativen unterstützt und zur Thematisierung ökologischer Fragen beigetragen haben.

Sie betonen, daß Umweltschutz Arbeitsplätze schafft, und daß Ökologie und Ökonomie mit Hilfe neuer Technologien kein Gegensatz zu sein brauchen. Darunter finden sich jene Kräfte, die auf dem SPD-Parteitag in München die Anträge einbrachten, die eine Verkleinerung und Umrüstung der Bundeswehr von einer Panzer-Armee zu einer rein defensiv und dezentral operierenden Abwehrarmee vorsehen (womit sie bei der SPD-Mehrheit freilich kein Gehör fanden). Sie sind zugleich jene Weitblicker, die im Zuge der neuerlichen industriellen Revolution eine drastische Verringerung der Industriearbeiterschaft voraussehen, wie sie im Zuge der ersten industriellen Revolution die landwirtschaftliche Bevölkerung erlebte. Derartiges zu denken fällt einem Gewerkschafter verständlicherweise schwer.

Es ist kaum übertrieben, diese seit nunmehr zehn bis fünfzehn Jahren sich vertiefende Spaltung in der SPD mit der Abspaltung der KPD von der SPD vor sechzig Jahren zu vergleichen. Wohl hat der Vorgang heute weniger dramatische Folgen und es findet auch keine formale Trennung statt, aber eine faktische „mit den Füßen“: ein Teil des SPD-Potentials geht oder bleibt weg. Die Grünen und Alternativen sind die abgespaltene SPD der mehr oder weniger jungen Leute, denen die altgewordene Kohle-und-Stahl-SPD auf ihre neuen Fragen keine akzeptable Antwort zu geben vermag, die oft genug ihre neuen Fragen nicht einmal ernst nimmt.

Insofern stimmt es, daß der Erfolg der Grünen in erster Linie in einem Versagen der etablierten Parteien begründet liegt. Dieses Versagen bezieht sich jedoch nicht so sehr auf die Umweltfrage, sondern besteht mehr in der Unwilligkeit, auf den Struktur- und Einstellungswandel zu reagieren.