Münster: „James Lee Byars“

Im diesjährigen „documenta“-Katalog setzte Byars an die Stelle einer biographischen Angabe nur das Wort „reist“. Und zu einer Reise lädt der 1932 in Detroit geborene Konzept- und Aktionskünstler jetzt auch die Besucher seiner Ausstellung in Münster ein: Seine im Westfälischen Kunstverein gezeigten fünf großformatigen skulpturalen Arbeiten aus Stein, Glas, Papier und Tuch lassen sich nicht zuletzt als Aufforderung lesen, eine Reise in die eigene Innenwelt zu unternehmen – und sei es auch nur für einige wenige Sekunden der Selbsterkenntnis. „Stellen Sie sich vor, Sie leben Ihr ganzes Leben, ohne ihm Beachtung zu schenken“, so Byars in einem seiner zu Kunstwerken erklärten Sätze, die gleich den Objekten eine „Besinnung auf das Ich“ zu provozieren suchen. So, wie es auch das aus goldenem Tuch gefertigte kreisrunde „Planetenzeichen“ tut, das mit einem Durchmesser von 5,80 Metern den Raum zu sprengen scheint, von der Erde bis zur Decke reicht und doch auch wieder wie ein Stern frei zu schweben scheint; oder das unter einer hohen Glaskuppel zu entdeckende (Frage-)Zeichen (auf schwarzem Stoff liegt da ein kleines weißes Papierstück mit einem kaum sichtbaren „q“, das bei dem Fragen sammelnden Byars für „question“ steht, „Die perfekte Frage“). Fragen aufzuwerfen, nicht Antworten zu geben ist dann auch eines der Ziele seiner von fernöstlichem Denken beeinflußten Arbeiten, seiner Aktionen, Performances und Texten ebenso wie der jetzt ausgestellten Skulpturen, die bei allen theoretischen Überlegungen doch ungeheuer leicht und sinnlich wirken, offen für die verschiedensten Spiegelungen. Zum Beispiel die an zwei gegenüberliegenden Wänden lehnenden großen runden Glasplatten, die erst in der Nähe ihr Geheimnis offenbaren. Auf der einen blitzt ein winziger „Lichtfleck aus Gold“ auf, die andere zeigt in der Mitte eine fingerbreite Öffnung, ein vergoldetes Loch, „Das goldene Mundstück“ – ebenso stumm und beredt wie der in der Nähe stehende „Stein für das Sprechen“ aus makellosem modern Sandstein, ein Objekt der Kommunikation, das auch denken läßt an verhinderte Kommunikation, an Mauer in und zwischen Menschen und den mitreisenden Betrachter einmal mehr zurückwirft auf sich selbst. (Westfälischer Kunstverein bis 26. September, Katalog 15 Mark.)

Raimund Hoghe

Coburg: „Deutsche Zeichnungen, Graphik und Bücher des 15. und 16. Jahrhunderts

Bücher aus der Hohen Zeit der Buchkunst und Spitzenblätter der Luther-Zeit, fast alle von Herzog Franz Friedrich Anton gesammelt, haben die amerikanischen Wissenschaftler Christiane Anderson und Charles Talbot für Ausstellungen in Detroit und Ottawa ausgesucht und kommentiert. Der Katalog in englischer Sprache wird so sorgfältig bearbeitet, daß er weder in Amerika noch jetzt in Coburg zur Ausstellungseröffnung vorliegt. Texte daraus sind jedoch neben den Graphiken angebracht. Aber auch nach Ausstellungsende wird der Katalog Anreiz zum Studium der Originale sein; die Blätter können weiterhin im Studiensaal zur Ansicht vorgelegt werden. Jetzt jedoch bietet sich die ganze Fülle gleichzeitig. In der chronologisch geordneten Ausstellung wechseln zarte Handzeichnungen auf kleinen Papierformaten mit filigranlinigen Kupferstichen und kraftvollen Holzschnitten in starken Hell-Dunkel-Kontrasten. Dynamik paart sich mit Sensibilität. Noch die „Neuen Wilden“ der Documenta im Kopf, erscheinen die Renaissancekünstler als „altfränkische Wilde“. Äußert sich die Kühnheit der „Neuen Wilden“ in Farbe und Format, so liegt die Kühnheit der deutschen Graphiker der Luther-Zeit in der fast surrealen kombinierenden Erzählweise und im dynamisch freien Linienduktus. Es gibt Grausiges, wie den Holzschnitt von Cranach über das Martyrium des Heiligen Erasmus, Bischofs von Antioch, dem die Därme aus dem Bauch gewunden werden und der als einer der vierzehn Nothelfer für Leibschmerzen zuständig ist. Es gibt Witziges wie die Federzeichnung von Weiditz, den „Narrenbaum“, eine allegorische Darstellung: Der hübschen Dame gelingt es, eine reiche Ernte von Narren zu schütteln, die in der Sprache der Renaissance, da reichlich vorhanden, „auf den Bäumen wuchsen“. Beliebt um 1500 ist auch die seit dem 13. Jahrhundert bekannte Satire auf die Philosophie des Aristoteles, der unter die Macht der Frau gerät und den Reit-Esel für seine schöne Schülerin Phillis spielt, die in einem Holzschnitt von Peter Flötner kombiniert mit den Darstellungen von Simson und Dalila, von Bathseba und David und dem Götzendienst Salomons unter vier Arkaden komponiert wird. Es gibt Erotisch-Frivoles: Düren Federzeichnung mit grauer Tinte „Junge Frau mit Nelke“. Die Zeitgenossen haben das „durch die Blume gesagte“ Liebesangebot mit der Nelke, dem Symbol der Jungfräulichkeit, sofort verstanden. Es gibt Surreales: Drei der fünfzehn Holzschnitte Düren zum Buch der Offenbarung, die er wahrscheinlich selbst geschnitten hat, sind ausgestellt. Die „apokalyptische Frau“ ist von graphischer Vitalität. Am unteren Bildrand wachsen korrekte Gräser, oben wird die Symmetrieachse von Gottvater mühsam gehalten, aber zwischen Himmel und Erde gibt es keine Einheit mehr von Raum und Zeit. Dürer addiert sein Erfindungsfeuerwerk, ein lustvolles Inferno. Sterne purzeln, Drachenhälse schlingern, dynamische Linien bauen die Frau auf der Mondsichel aus dramatischen Strahlen, Locken und Flügelfedern. Der ein Jahr nach Dürer geborene Lucas Cranach interessiert sich kaum für Anatomie und Zentralperspektive, die großen italienischen Entdeckungen des Quattrocento. Cranach, der Freund Luthers, ist in der Ausstellung besonders gut vertreten. Ein ganzes Kabinett ist für die geflügelte Schlange reserviert, mit der Cranach seit 1508 als Hofmaler der Wittenberger Herzöge signiert hat. Mit ihren detaillierten Porträts haben Cranach Vater und Sohn unser Bild Luthers entscheidend geprägt. Cranachs des Älteren einzigartiger Kupferstich des Profilkopfes mit Doktorhut von 1521 und der Holzschitt von 1522 als Junker Jörg sind, nach dem Edikt von Worms, das Luther als Ketzer verurteilte, auch politische Porträts, die den gelehrten Doktor der Theologie und den Einsiedler auf der Wartburg darstellen. Zwei Generationen jünger als Dürer und Cranach ist Lorenz Stoer, dessen Titelblattentwürfe zu „Geometria et Perspectiva“ die Ausstellung beschließen. (Kunstsammlungen der Veste Coburg, bis zum 5. September, Katalog etwa 38 Mark) Fee Girod

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Meisterwerke antiker Kunst – Abgußsammlung Berlin“ (Mosaikhatle der Siemens AG, Rohrdamm 85, bis 29. 10.)