Von Gunhild Freese

Meine ganze Wut“, so zürnt Betriebsratsvorsitzender Wilhelm Lustig, „geht in Richtung Bonn.“ Letzte Woche nämlich mußte Lustig gemeinsam mit dem Vorstand der Bremer Zigarettenfirma Martin Brinkmann auf vier Betriebsversammlungen den über 4300 Kollegen eröffnen, daß wahrscheinlich dreihundert von ihnen bis zum Jahresende gehen müssen. Ende Juli hatte der Vorstand des drittgrößten heimischen Zigarettendrehers vorsorglich beim Präsidenten des Arbeitsamtes Niedersachsen/Bremen Antrag auf Massenentlassungen gestellt. Und Schuld daran, da sind sich Vorstand und Arbeitnehmervertreter einig, ist die Bonner Bundesregierung.

Auf der Suche nach neuen Quellen zur Deckung seines Haushaltsdefizits nämlich war vor Jahresfrist dem damaligen Finanzminister Hans Matthöfer die noch immer florierende Zigarettenindustrie ins Auge gefallen. Mit einer Anhebung der Tabaksteuer um drastische 39 Prozent zum 1. Juni 1982 sollten der Bundeskasse 1,4 Milliarden Mark zusätzlich zufließen.

Im vergangenen Jahr hatte die Branche noch mit einem Absatz von knapp 130 Milliarden Stück einen neuen Rekord erzielt. Und der Finanzminister profitierte mit Einnahmen in Höhe von 11,4 Milliarden Mark von der Sucht der Bundesbürger. Doch nun, so scheint es, hat sich der Finanzminister verrechnet. Kommt es so, wie die Zigarettenindustrie mutmaßt, dann bringt die Tabaksteuer nicht mehr, sondern weniger als 1981 in die Bundeskasse.

Schlimmer noch, die kleine Zunft der fünf heimischen Zigarettenfabriken sieht sich mit einem Absatzeinbruch konfrontiert, wie sie ihn in ihren schlimmsten Prophezeiungen nicht erwartet hatte und von dem sie sich auch so schnell nicht erholen wird. Um fast ein Drittel sackten die Auslieferungen der Industrie in den Monaten Juni und Juli nach der Steuererhöhung. Und auch der August ließ bislang nur wenig Hoffnung auf Erholung. Statt für die gewohnte Marke nun vier Mark zu zahlen, greifen die Raucher lieber zu einer der neuen zahlreichen Billig- und Handelsmarken, die immerhin zwischen fünfzig Pfennig und über einer Mark pro Packung weniger kosten. Und wer das Rauchen nicht ganz aufgegeben hat, der deckt sich im deutlich billigeren Nachbarland, in Frankreich, Luxemburg, Holland, Belgien oder der Schweiz, ein.

Zum wahren Hit freilich avancierten die Selbstgedrehten. Der Absatz von Feinschnitt-Tabaken kletterte um monatlich sechzig Prozent, obwohl der Finanzminister hier die Tabaksteuer sogar um 150 Prozent heraufgesetzt hatte. Der Jahresabsatz der Fabrikzigaretten, zunächst auf 115 Milliarden Stück veranschlagt, könnte sogar auf das Niveau von 1969 sacken. Damals wurden gerade 110 Milliarden Zigaretten verkauft.

Die Hersteller hatten sich indes rechtzeitig auf das tiefe Sommerloch eingerichtet. So waren bei der Hamburger BAT Cigarettenfabriken und bei Martin Brinkmann in Bremen für Mitarbeiter in Produktion und Außendienst Urlaubssperren für die ersten fünf Monate des Jahres verhängt worden, um den Ansturm der Verbraucher auf Zigaretten zum alten Preis auffangen zu können. Dennoch wirkte jetzt die Ankündigung von Entlassungen bei Brinkmann wie ein Schock. „Die Bonner“, so klagt Brinkmann-Betriebsrat Lustig, „sind dabei, eine der letzten gesunden Branchen in Schwierigkeiten zu bringen.“ Auch Reemtsma und BAT mögen Kurzarbeit künftig nicht ganz ausschließen. Die Belegschaft der Reemtsma-Tochter Roth-Händle mußte bereits drei Freitage im August zu Hause bleiben. Für September stehen ebenfalls schon vier freie Freitage fest. Dennoch wollen die Konkurrenten nicht mit Brinkmann in einen Topf geworfen werden. Ein Mitbewerber: „Das ist ein Brinkmann-Problem.“