Die Vereinigten Staaten bereiten eine neue Mittelamerika-Politik vor: Verzicht auf militärische Drohungen, politische und wirtschaftliche Unterstützung demokratischer Regierungen, Isolierung Kubas als des wahren Störenfrieds der Region.

In einer Rede in San Francisco stellte Thomas Enders, für Lateinamerika zuständiger Unter-Staatssekretär im Außenministerium, eindeutig klar, daß Verhandlungen Vorrang vor Konfrontation oder gar kriegerischer Aktion haben: „Amerikanische Truppen stellen derzeit keine Lösung dar.“ Es gebe genug „Elemente“ für eine Befriedung, der inneren wie der äußeren, die sich mit amerikanischer Hilfe zu einem „dauerhaften Frieden“ zusammensetzen ließen.

Enders schlug vier Maßnahmen vor:

  • Aussöhnung im Inneren, Gewaltverzicht nach außen, Demokratie und Pluralismus;
  • Kein Export der Subversion mehr, keine Unterstützung fremder Guerilla-Bewegungen;
  • Beendigung „exzessiver Rüstung“, die das regionale Gleichgewicht bedroht und benachbarte Staaten ängstigt;
  • Begrenzung des ausländischen Einflusses in Sicherheitsfragen; vereinbarte Obergrenzen für fremde Berater und Truppen in jedem Land: „Warum sollten sie nicht auf Null reduziert werden?“

Wenig später billigte der Kongreß in Washington jene 350 Millionen Dollar Auslandshilfe, die Präsident Reagan als Sonderhilfe karibischen Staaten zukommen lassen möchte: El Salvador (75 Millionen), Costa Rica (70 Millionen), Jamaika (50 Millionen) ferner Dominikanische Republik, Honduras, Guatemala, Haiti und Belize. Alle Länder der Region kämpfen mit großen wirtschaftlichen Problemen, die – wie die Regierung Reagan offenbar anerkannt hat – für das Entstehen sozialrevolutionärer Bewegungen bedeutungsvoller sind als von außen (also von Kuba oder Nicaragua) hereingetragene Unruhe.

Über die Verbindungen Sowjetunion-Kuba äußerte sich Enders sehr kritisch. Moskau habe seinen karibischen Vasallen in den vergangenen Monaten so sehr aufgerüstet, daß Havanna durchaus der Versuchung erliegen könne, einen Partner gegen tatsächliche oder vermeintliche äußere Feinde zu unterstützen. In diesem Falle könne Washington gezwungen sein, militärisch zu intervenieren – wie es der Senat (in einer rechtlich freilich unbedeutenden) Entschließung vom 11. August festgehalten hatte.

Dieses Votum hat in ganz Zentralamerika hohe Wellen geschlagen, und Enders’ Rede sollte auch der Beruhigung dienen. Denn im Schatten der Falkland- und Libanon-Krise hat sich die Entwicklung auf dem Isthmus krisenhaft beschleunigt: El Salvador und Honduras arbeiten militärisch immer enger zusammen, um die salvadorensische Guerilla im gemeinsamen Grenzgebiet zu vernichten. Honduras, das den Gegnern der Sandinisten Aktionsraum läßt, und Nicaragua stehen unmittelbar vor dem Austausch militärischer Aktionen In Guatemala setzt ein unberechenbarer Präsident alles auf eine Karte, um die Guerilla auszulöschen. Im armeelosen Costa Rica kriselt es aus wirtschaftlichen Gründen, Panama nähert sich der antikomministischen Front – der sich selbst überlassene Isthmus drohte ein einziger Kriegsherd zu werden. Militärisch – das kann man Enders’ Worten entnehmen – ist dieser drohende Flächenbrand nicht mehr auszutreten. Alle beteiligten Staaten müssen jetzt zusammenarbeiten, um zuerst die aktuelle Kriegsgefahr, anschließend die sozialen und politischen Gründe der Unruhen zu beseitigen. Im letzten Moment hat Washington die Gefahr erkannt. -bi