Seit Wochen schon, hört man, locke diese Siedlung mit dem Namen "Schöne Aussicht" Neugierige in Scharen an. Was Wunder auch: wo in Kassel und anderswo gäbe es so auffällige Häuser zu betrachten und zu betreten, wo sonst hätte sozialer Wohnungsbau auf einmal eine so malerische Architektur bekommen, wo gäbe es auf so kleinem Terrain so viele phantasievolle Wohnungen zu sehen mit Details, die vermuten lassen, manche Architekten hätten vor allem an die Hausfrauen gedacht? Wenn manche dieser Gebäude für den Alltag auch ein bißchen zu fein angezogen wirken, entsteht hier in Kassel, am oberen Rand einer sanften Talmulde mit der Bezeichnung Dönche, eine Siedlung von außergewöhnlichen Qualitäten. Sie wird, möchte man hoffen, von vielen Bauherren als Aufforderung und von vielen Architekten kritisch als Anregung verstanden Werden. Sie ist jetzt etwa zur Hüfte fertiggestellt. Und um das eigentliche Weltereignis Kassels, die documenta 7, nicht zu verpassen, wird sie jetzt mit einer Ausstellung gefeiert: als der erste Versuch einer documenta urbana.

Mit dieser Bezeichnung werden, seit es sie gibt, immer neue Zweifel aufgewirbelt. Arnold Bode hatte, nachdem er die Documenta zustande gebracht hatte, an eine Ergänzung gedacht, aber sie niemals präzise mit einem Inhalt versehen, geschweige probiert. So ist die documenta urbana immer neuen Deutungen zugänglich Eines Tages hatte es dann aber genügend und zueinander passende Umstände gegeben, die einfachste, traditionellste und in mancherlei Hinsicht auch praktischste Interpretation darzustellen: eine Bau-Ausstellung.

Natürlich kann man daiüber traurig sein, daß unter dem Rubrum documenta urbana nicht versucht worden ist, die im und nach dem Krieg ruinierte Stadt Kassel selber zu reparieren, also das ziemlich garstige Thema der Stadt-Reparatur in Angriff zu nehmen (und viel konkreter, als es die Hochschul-Professoren Lucius Burckhardt und Vladimir Nicolic gerade in einer – am Ende leider doch wieder nur Eingeweihten ganz verständlichen – Broschüre unter dem Titel "Sichtbar machen" andeuten konnten).

Jedoch wäre es zu einfach, seinen Unmut darüber in schöner Resignation auszukosten, statt auf der Dönche Ausschau zu halten. Denn vieles, was dort probiert worden ist, empfiehlt sich als Anregung für die ebenso ewige wie facettenreiche Aufgabe, die Stadt in Ordnung zu bringen.

Die wichtigsten Aspekte dieser Bau-Ausstellung sind: konzentriert vorzuführen, welche architektonischen Möglichkeiten sich überraschenderweise selbst noch unter den Beschränkungen des sozialen Wohnungsbaus eröffnen; zu zeigen, wie mannigfaltigsich die Themen Etagenwohnung und Einfamilienhaus variieren lassen; zu beweisen, daß sich die Monotonie von Siedlungen aus einer Hand (das heißt von einem Bauherrn) vermeiden läßt, aber auch das Durcheinander, das droht, wenn neun Architekten von ausgeprägter Persönlichkeit dicht nebeneinander (und sogar ineinander) bauen und dabei weder ihre Ausdrucksweise aufgeben noch der Versuchung erliegen, in unterschwelliger Konkurrenz einander zu übertrumpfen; nicht zuletzt, sich fernab vom stumpfsinnigen städtebaulichen Trott zu bemühen, mit Straßen und Plätzen, Pflanzen und Pflaster und mit der Topographie Räume zu schaffen, die städtisches Leben stimulieren, die gleichermaßen private Zurückgezogenheit gewähren und öffentliche Begegnung, möglichst Gemeinschaft anstiften. Natürlich stehen auch Experimente auf dem Programm: das "wachsende" Haus, das betont einfache (und eigentlich besonders billige) Haus, die variable Wohnung.

Noch lange bevor sich der wirtschaftliche Effekt ehrlich beurteilen läßt und ohne Umschweife klar wird, was es die fördernde Öffentlichkeit am Ende wirklich gekostet hat – und warum es (vermutlich) teuer wurde, obwohl es billig hatte sein sollen bietet sich das Wohnviertel als ein Gegenstand der Architektur an. Und der enthält eine Menge interessanter Einfalle, die man von Wohnungsbau-Unternehmen, Kommunen, Planern schon vor zehn oder zwanzig Jahren erhofft hätte, die aber immer nur mit der steten Bemerkung "zu teuer" abgetan worden waren. Auf einmal geht alles das, was früher nicht möglich gewesen sein soll – also war man einer faulen Ausrede aufgesessen?

Freilich wäre es nun nicht weniger banal, deswegen die Anregungen dieser Siedlung bloß mit hämischem Vergnügen zu streifen, vor allem das Experiment, neun Architekten zusammenzubringen, sogar zusammenzuzwingen: Sie mußten, wie es im dichten, aber lückenhaften Gefüge der Innenstädte normal ist, miteinander auskommen, aufeinander Rücksicht nehmen, um gemeinsam den Kontext zu schaffen, in den sie sich dann einzuordnen hatten – schwierig, weil sie auf Anhieb zustande bringen mußten, was sonst die Geschichte nach und nach hervorbringt: Vielfalt. So ist das Ergebnis zwar ein bißchen bunt, aber sehr lehrreich. Vor allem in der langen, um der Aussicht willen geteilten Häuserschlange der Etagenhäuser zeigt sich, welche Korrespondenzen unter lauter individuellen Ausdrucksformen möglich sind, obwohl kein "Stil" dabei half, ein architektonisches Ubereinkommen zu finden. Es führte sogar zu einer Art von Verbrüderung, die sich im gemeinsamen Treppenhaus zweier gänzlich verschiedener Architekten zeigt: der Holländer Herman Hertzberger baut rechteckig, die Berliner Hinnch und Inken Baller haben eine Vorliebe für geschwungene Wände und Decken.