Der Schuldenberg bedroht Mexikos innere Stabilität

Von Horst Bieber

Ganz knapp ist am vergangenen Wochenende der viertgrößte Erdölförderer der Welt am „Bankrott“ vorbeigeschlittert. In einer Serie hektischer Konferenzen konnte Mexiko, mit etwas über 80 Milliarden Dollar Auslandsschulden der größte internationale Gläubiger, einen teilweisen Schuldenaufschub erreichen und neue Kredite aushandeln, um seinen kurzfristigen Verbindlichkeiten nachzukommen: bis zu einer Milliarde Dollar von Geschäftsbanken, rund 4,5 Milliarden Dollar vom Internationalen Währungsfonds, etwa 1,5 Milliarden von ausländischen Zentralbanken, weitere zwei Milliarden aus den Vereinigten Staaten. Der Schuldenberg Mexikos, so hieß es euphemistisch, sei zwar besorgniserregend hoch, stehe aber auf solidem Grund, nämlich riesigen, gesicherten Öl- und Gasvorräten. Finanzminister Silva Herzog meinte gar beruhigend, es handele sich nur um eine kurzfristige Liquiditätskrise.

Banker und Minister konnten schlecht anders reden und handeln. Bei 80 Milliarden Schulden, davon drei Fünftel von US-Banken geliehen, hätte ein mexikanischer Kollaps unabsehbare Folgen gehabt. Das internationale Krisen-Management hat, so sah es wenigstens zu Beginn der Woche aus, rasch und glatt funktioniert. Die innen- und außenpolitischen Folgen dagegen werden sich länger bemerkbar machen. Nach dem Iran und Venezuela hat ein drittes Ölförderland unsanft Abschied nehmen müssen von dem Glauben, das schwarze Gold sei eine unerschöpfliche Quelle des Reichtums.

Öl hatte den mexikanischen Boom angeheizt. In der Hoffnung, immer mehr zu immer höheren Preisen verkaufen zu können, finanzierte Mexiko vier Jahre lang ein ehrgeiziges Industrialisierungsprogramm auf Kredit. Doch dann stagnierte der Verbrauch, die Weltmarkt-Preise sanken, Devisen für Zinsen und Tilgung wurden knapp. Das hereingeströmte Geld hatte die Inflation angeheizt; der lange überbewertete Peso mußte seit Anfang des Jahres in mehreren Schritten freigegeben werden, was zu einer dramatischen Abwertung und regelrechten Flucht in den Dollar führte. Anfang August zog die Regierung die Notbremse, nach Ansicht der Fachleute zu spät: Aber im Juli hatte die Präsidentenwahl stattgefunden, und erst nach dem Sieg des Regierungskandidaten Miguel de la Madrid sollten die Mexikaner die volle Wahrheit erfahren.

Sie gehen nun bitteren Zeiten entgegen. Die Inflation droht die 100-Prozent-Marke zu erreichen, jede siebte Firma ist vom Konkurs bedroht, das Wirtschaftswachstum, im Vorjahr noch über acht Prozent, wird für 1982 mit Null prognostiziert. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind bereits drastisch gestiegen und werden, wenn die Regierungs-Subventionen fortfallen, noch einmal anziehen. Fast noch bedrohlicher ist für den neuen Präsidenten, der im Dezember sein Amt antritt, die unvermeidliche Entlassungswelle. Etwa die Hälfte der arbeitsfähigen Mexikaner ist schon jetzt arbeitslos oder unterbeschäftigt.

Auf die „Versuchung durch das Öl“ wird jetzt alles abgeladen. Präsident Lopez Portillo schweigt, sein Nachfolger muß noch bis zum Dezember warten und kann erst dann ein äußerst unpopuläres Sanierungsprogramm einleiten. Für eine echte Reform der „verzerrten Revolution“ (so nennt der Amerikanist Manfred Mols das System) bleibt wenig Zeit, Geld und Autorität. Gerade die Verzerrungen aber haben die Fehlentwicklung weitgehend verursacht: die unfähige, wild wuchernde und korrupte Verwaltung und die Besänftigung möglicher Gegner durch Ämter und Pöstchen. Der hervorragend beherrschten Technik, der Opposition immer wieder einen kleinen Zugang zu den Futterkrippen zu öffnen, verdankt Mexiko 60 Jahre inneren Friedens, aber auch die unglückliche Bereitschaft aller, das System nicht zu reformieren, es zum Schaden der Ausgeschlossenen lieber zu erhalten.