Von Gabriele Venzky

Fast gehört es schon zur indischen Tagesordnung, daß die Polizei Amok läuft oder blutige Prügeleien inszeniert oder einfach in den Streik tritt. Daß sie aber regelrecht den Aufstand probt und daß ihre Rebellion von der Armee zusammengeschossen wird, ist neu. Selbst das fatalistische Indien ist aufgeschreckt.

Zwei Tage lang meuterte die Polizei von Bombay. Brandschatzend und plündernd zogen fast 20 000 Beamte durch die Stadt, traten Fenster und Türen ein, zwangen Busse mit Steinhageln zum Halten, zündeten Hunderte von Autos an und rissen Eisenbahngleise auf. Als sich dann noch einige der seit acht Monaten streikenden 250 000 Textilarbeiter auf ihre Seite schlugen, fielen die ersten Schüsse. Fast zwei Tage lang herrschte totale Ausgangssperre im Zentrum der größten Geschäfts- und Industriemetropole des Landes, aber auch in einigen Außenbezirken. Inzwischen haben Elitetruppen und paramilitärische Einheiten die wichtigsten Punkte der Stadt besetzt; die Polizei ist entwaffnet worden.

Doch allenthalben herrscht Ratlosigkeit, wie es nun weitergehen soll. Sicherlich ist es kein Zufall, daß die Polizeirebellion ausgerechnet im wildwuchernden Zehn-Millionen-Dschungel von Bombay ausgebrochen ist. Diese Stadt ist unregierbar geworden, wie fast alle explodierenden Millionen-Slums der Dritten Welt. Aber gleichzeitig ist der Aufstand der Polizei auch bezeichnend für den inneren Zustand Indiens. Denn dieser Staat zerbröselt und zerfällt zusehends. Im Land des Friedensapostels Mahatma Gandhi sind Gewalt und Brutalität die Norm geworden. Die sozialen Spannungen wachsen in beängstigender Weise, gnadenlos werden die Kastengegensätze ausgetragen, die Kriminalität steigt unaufhaltsam.

Mit dem Versprechen, law and order wieder herzustellen, konnte Indira Gandhi vor zwei Jahren an die Macht zurückkehren. Heute möchte sie daran lieber nicht mehr erinnert werden.

Bewaffnete Banden – hinter denen nicht selten Politiker oder reiche Grundbesitzer als Auftraggeber stehen – terrorisieren weite Landesteile. Die Polizei schaut ohnmächtig zu oder verschlimmert alles noch durch unkontrollierbaren Gegenterror. Sezessionsbestrebungen beschränken sich schon längst nicht mehr auf die östlichen Randgebiete Assam, Mizoram und Nagaland, sondern haben auf das Herzland, den Sikh-Staat Punjab, übergegriffen. Bei den häufigen Zusammenstößen religiöser Eiferer bleiben jetzt regelmäßig Tote auf dem Schlachtfeld zurück. Die Zahl der unterhalb der Armutsgrenze Lebenden (60 Marie Monatseinkommen) ist auf über 60 Prozent der gesamten Bevölkerung gestiegen. Die Unionsstaaten werden von korrupten und unfähigen Politikern regiert, und die von Frau Gandhi persönlich ausgesuchten Chiefminister scheinen nur eine Qualifikation mitbringen zu müssen: unbedingte speichelleckerische Loyalität gegenüber der Regierungschefin. Sie toleriert widerspruchslos, daß diese Chiefs einen Skandal nach dem anderen inszenieren und einen Unionsstaat nach dem anderen abwirtschaften.

Die früher einmal eiserne Nehru-Tochter regiert ihr Land mit schlaffer Hand, entschlußlos und wetterwendisch. Die von ihrem Vater stets gut geölte und funktionierende Maschinerie der riesigen regierenden Congress-Partei ist rostig geworden, die Parteibonzen arbeiten nur noch für den eigenen Vorteil. Dies ist nicht zuletzt eine Folge des persönlichen Regiments der Indira Gandhi. Denn die Regierungschefin des 700-Millionen-Volkes muß jede kleinste Entscheidung selbst treffen, weil ihre Umgebung unfähig ist, Verantwortung zu übernehmen. Unterdessen wird im Lande immer hemmungsloser das uralte indische Spiel betrieben: Wer Macht hat, nutzt sie hemmungslos aus.