Sie gehören zu den giftigsten Substanzen überhaupt: die äußerst reaktionsfreudigen und gewöhnlich nur kurzlebigen Chemikalien aus der Gruppe der „freien Radikalen“. Unheil stifteten sie wahrscheinlich bei der spanischen Speiseöl-Katastrophe, bei der mehrere tausend Menschen durch verunreinigtes Öl an schmerzhaften Leiden erkrankten und mehr als hundert Menschen den Tod fanden.

Freie Radikale, so scheint es, können im menschlichen Körper kaum zu etwas nütze sein. Aber die Natur findet ungewöhnliche Wege, um ein Mißgeschick in einen Vorteil zu verwandeln: Die aggressiven Chemikalien werden, wie ein Bericht im britischen Fachblatt Nature vom 5. August nahelegt, offensichtlich vom körpereigenen Abwehrsystem im Kampf gegen Krebszellen eingesetzt.

Schon die Vorstellung, daß der besitzt, eine Art ererbte Truppe zur Krebsabwehr besitzt, der Verteidigung gegen gewöhnliche Infektionen ähnlich, ist relativ neu: Demnach fungiert eine bestimmte den von weißen Blutkörperchen mit dem passenden Namen „natürliche Killerzellen“ als Hauptwaffe gegen Tumore. Aber niemand wußte bisher wirklich, wie die natürlichen Killerzellen vorgehen. Nun jedoch behauptet eine Forschergruppe aus Kanada und den Vereinigten Staaten, daß die körpereigenen Killer freie Radikale einsetzen.

John Roder und seine Kollegen von der Queen’s University in Kingston und von der Universität Toronto, beide in der kanadischen Provinz Ontario gelegen, sowie von der Harvard University Medical School fanden heraus, daß natürliche Killerzellen das freie Radikal Superoxid innerhalb von Sekunden freisetzen, sobald sie mit Krebszellen in Kontakt kommen. Die Freigabe von Superoxid löst, wie die Biologen glauben, eine Kette chemischer Reaktionen aus, die schließlich die Krebszellen absterben lassen.

Roders Mannschaft machte die Entdeckung während einer Reihe von Experimenten, bei denen eine Lösung aus natürlichen Killerzellen mit Krebszellen vermischt wurde. Von den Tumorzellen war bekannt, daß sie von den Killern attackiert werden. Die Biologen entdeckten die schnelle Superoxid-Produktion der Killerzellen dank der Lichtblitze, die eine eigens dem Gemisch zugegebene Chemikalie aussandte – eine Substanz, die die elektrische Energie der freien Radikale in Lichtenergie umzuwandeln vermag.

Das sehr reaktionsfreudige Superoxid kann zweifelsohne lebendes Gewebe schädigen. Trotzdem glauben Roder und seine Kollegen nicht, daß Superoxid den Krebszellen den Todesstoß versetzt. Vielmehr ist das freie Radikal wahrscheinlich an einer Reihe chemischer Reaktionen beteiligt, die zusammengenommen den Krebszellen den Garaus machen. Für den Verdacht spricht die Tatsache, daß es Menschen gibt, die an einem seltenen Erbleiden namens Chediak-Higashi-Krankheit leiden. Die natürlichen Killerzellen dieser Patienten können Krebszellen nicht zerstören, obwohl sie ebensoviel Superoxid erzeugen wie ihre Kollegen in gesunden Menschen. Es muß also etwas anderes bei der Vernichtung der Krebszellen notwendig sein – etwas, das in den natürlichen Killerzellen der Chediak-Higashi-Patienten blockiert ist.