In der Statistik der Todesursachen stehen die Herzerkrankungen einsam an der Spitze. Eine prominente Rolle spielt dabei der Herzinfarkt, der oft durch den plötzlichen Verschluß einer Herzkranzarterie ausgelöst wird. Leider fehlt es bis heute an einem einfachen und problemlosen Diagnoseverfahren zur frühzeitigen Erkennung gefährdeter Personen. Bei der bisher angewandten Methode wird ein Katheter durch eine Hauptarterie zum Herzen geschoben und anschließend eine große Jodmenge ausgespritzt (das Jod dient als Röntgenkontrastmittel). Dies ist jedoch nicht ganz risikolos und sehr aufwendig.

Jeder Fortsehritt in der Früherkennung potentieller Infarktopfer wird von Ärzten und Patienten sehnlichst erwartet. Daher erregte vergangene Woche ein Vortrag des amerikanischen Physikers Barne Hughes auf der internationalen Synchrotronstrahlungskonferenz am Hamburger Großforschungszentrum DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron) erhebliches Aufsehen. Hughes berichtete von Fortschritten auf dem Gebiet der Dichromatographie, einem Verfahren zur Sichtbarmachung der Herzkranz-(Koronar-)Gefäße. An Stelle der normalerweise benutzten Röntgenröhre verwendet das amerikanische Team um den Kardiologen Edward Rubenstein eine extrem intensive und stark gebündelte Lichtquelle – die Synchrotronstrahlung.

Dabei handelt es sich um ein Abfallprodukt von Speicherringen, wie sie zur Erforschung der Elementarteilchen auch bei DESY benutzt werden. Die einzigartigen Eigenschaften dieses Röntgenlichts erlauben es in Zukunft vielleicht, ganz auf die Katheterisierung zu verzichten und stattdessen das Kontrastmittel Jod nur intravenös zu verabreichen. Durch die neue Technik wird die Strahlenbelastung des Patienten stark reduziert, so daß auch Vorsorgeuntersuchungen oder Checks von Herzpatienten nach der Operation möglich sein werden. Davor sind jedoch noch einige Probleme zu überwinden.

Hughes zeigte beeindruckende Bilder der Jodkonzentration in Koronararterien von herauspräparierten Herzen und erste Aufnahmen von lebenden Hundeherzen. Als größtes Problem bei dieser nichtinvasiven („nicht eingreifenden“) Kardiographie gilt die nicht zu vermeidende Restjodmenge in den Herzkammern während der Aufnahme der Herzkranzgefäße: Sie verdunkelt buchstäblich das Bild.

Im Augenblick kämpfen die Forscher jedoch mit ganz anderen Beschränkungen. Es fehlt ihnen eine halbe Million Dollar, um einen speziell für Untersuchungen an menschlichen Herzen geeigneten Synchrotronstrahl zu bauen. Der amerikanische Speicherring „Spear“ in Kalifornien hat nämlich eine zu geringe Energie, um die passenden energiereichen Lichtstrahlen zu produzieren. Er muß durch spezielle Magnete getrimmt werden.

Wie Rubenstein erklärte, hat DESY es da besser. Experimente im Hamburger Synchrotronstrahlungslabor Hasylab am Speicherring Doris II könnten wegen der vorhandenen höheren Endenergie ohne zusätzliche Magnete auskommen. Die Hamburger Forscher sitzen denn auch schon seit einigen Monaten in den Startlöchern und wollen jetzt, nach dem erfolgten Umbau des Speicherrings, gezielt mit eigenen Untersuchungen beginnen. Bernd Kröger