Von Gerhard Seehase

Hamburg

Der Apotheker kam als Letzter. Um 20.45 Uhr, etwa eine Stunde nach Sitzungsbeginn. Es ging gerade um Punkt 4 der Tagesordnung: Gespräch und Beratung um die Schwesternstation und eine eventuell ins Auge zu fassende Diakonie-Station.

"Ich bin nicht bereit, auch noch Schrifttabellen zu führen", hatte Gemeindeschwester Barbara gesagt, "darin sehe ich nicht den Sinn meiner Arbeit." – Und Propst Hamann hatte beschwichtigt: "Noch ist es ja nicht so weit, wir können es ruhig angehen lassen."

Tagung des Kirchenvorstands in der Lohbrügger Auferstehungskirchengemeinde. Lohbrügge ist mit über 10 000 Einwohnern eine jener typischen Randgemeinden der Millionenstadt Hamburg in denen man zuhauf wohnt – in Hochhäusern, Reihenparzellen, Einzelbungalows –, ohne daß man sich auf die Füße tritt. Es gibt viel Grün, großzügig angelegte Straßen und viel bessere Parkmöglichkeiten als in der City. Aber es fehlt an jenen idyllischen Ecken, die auch außerhalb der eigenen vier Wände einladend wirken. Daraus entsteht ein Problem, das für fast alle Trabanten-Siedlungen der Großstädte gilt: Sie haben für zu viele Jugendliche ein viel zu dürftiges Freizeit-Angebot. Aber auch dies gilt für die meisten: Wenn man sich einmal dazu durchgerungen hat, ein Jugendzentrum mit öffentlichen Mitteln zu erstellen, dann hat man häufig einen Teil der Jugendlichen gegen sich, denen der Sinn mehr nach Rabatz als nach Kommunikation steht.

Der wichtigste Punkt der Tagesordnung, der Punkt 5, beschäftigte den Lohbrügger Kirchenvorstand denn auch wieder einmal mit einem Jugendproblem. Das städtische Jugendzentrum nebenan, in der Korachstraße, war durch Bandstiftung zerstört worden. Die Frage war: Soll man einen Nutzungsvertrag mit dem städtischen "Verein Jugendzentrum Lohbrügge Nord" schließen, um den ausquartierten Jugendlichen vorübergehend ein neues Zuhause im Jugendzentrum der Auferstehungsgemeinde zu bieten?

Die Antwort war einstimmig: "Ja".