Von Ulrich Schmidt

Wir sind die Buhmänner der Insel, wir stören überall, zu Hause, auf der Straße, in den Lokalen. Den Syltern wäre es am liebsten, wenn wir den Sommer über weit weg wären!“

Die Buhmänner sind so um die 17 Jahre alt, ein paar Mädchen sind auch dabei. Sie sind im Jugendzentrum des Pastorats von Wenningstedt versammelt und freuen sich, daß endlich mal jemand da ist, der ihnen zuhört. Namen nennen sie keine, nicht mal ihre eigenen. „Sonst bekommen wir Ärger mit den Eltern und im Beruf und so“, sagt einer von ihnen. „Wer hier Kritik übt an dem Urlauberrummel, an der Profitgier, an dem Ausverkauf der Insel, der wird rausgeekelt, aber hintenrum, auf die miese Tour, so daß niemand genau weiß, wer uns da rausekelt.“

Die Inseljugend ist empört und, wie es scheint, mit Recht. Und vermutlich geht es der Jugend in anderen Feriengegenden nicht viel besser. Auf Inseln allerdings sind Probleme der Touristik deutlicher sichtbar als anderswo, und auf keiner Insel nördlich des Mittelmeers sind sie so ins Extrem gesteigert wie auf Sylt.

Nach den Berichten der Jungen und Mädchen von Wenningstedt stellt sich die Lage so dar: Im Sommer müssen sie ihre Zimmer räumen und umziehen auf den Dachboden, in den Keller oder ins Zelt hinterm Haus. Ihre Zimmer sind von nun an bis zum Herbst von Urlaubsgästen belegt. Auf sie hat die Familie Rücksicht zu nehmen. Morgens müssen die Kinder durchs Haus schleichen („Sei leise auf dem Klo!“), mittags bekommen sie ein paar Mark für die Imbißbude („Kauf dir Pommes und komm nicht so bald zurück!“), abends werden sie in die Küche verwiesen („Stör uns nicht, wir müssen uns um die Gäste kümmern!“). Manche Eltern schicken ihre Kinder morgens sogar schon eine Stunde eher als nötig zur Schule, nur damit sie freie Bahn haben für den Morgendienst am Kunden.

Auch außerhalb der Elternhäuser wissen die jungen Sylter nicht, wo sie bleiben sollen. „Da bauen sie klotzige Mehrzweckhallen für die Fremden, und wir dürfen nicht hinein. Uns mutet man den Schuppen zu, in dem im Winter die Strandkörbe abgestellt werden. Ein trauriger Stall ist das, da kann keine Stimmung aufkommen. Und abends am Strand, an unserem Strand, da scheuchen uns die Wärter weg.“

Eine Gruppe hatte sich eine leerstehende Baracke gemietet und für die Freizeit hergerichtet. Man mußte sie wieder aufgeben, als Nachbarn sich belästigt fühlten und sich anonym beschwerten. Ähnliche Schwierigkeiten gibt es mit dem Jugendraum im Pastorat. Auch den haben sie sich selber eingerichtet. Zu Anfang lief das noch. Da traf man sich sogar, mit der Kurgästejugend, die ebenfalls nicht wußte wohin, wenn sie unter sich sein wollte. Ein allgemeiner Mißstand: In Ferienorten ist für alle gesorgt, auch für alte Leute und kleine Kinder, nur nicht für die Jugend zwischen 10 und 20.