Wenn junge Heranwachsende à la Sylt ins Abseits gestellt werden, damit das für die Eltern Wichtige Raum bekommt – und jugendliche Lebensbedürfnisse quasi unbedeutsam zurückgestellt werden, dann erinnert das an Parallelen und Erziehungstendenzen, die in vielen Familien – vom Kleinkind angefangen – praktiziert werden. Weit verbreitet gilt, daß Erziehung darin besteht, kindlichen Willen und jugendliches Sein den Gewohnheiten und Eigenarten und den Lebensläufen der Alten, der Eltern anzupassen.

Wie es dem Kind dabei geht, ist weniger beachtet. Wie das Ergebnis aussehen soll, ist einzig wichtig; sowohl im Hinblick auf das Erziehungsprodukt: ein ordentliches, meist wohlangepaßtes Kind – als auch im Hinblick auf die Haushaltskasse: die soll reichlich voll sein.

Wen wundert es, wenn solche Grundsätze dazu führen, finanzstarke Fremde mehr zu würdigen, ihnen mehr Wohlbeachtung zu geben, als dem Wohlgefühl des eigenen Kindes. Die deutsche Erziehungstradition hat einige beachtliche Modelle mit diesem erschreckenden Selbstverständnis aufzuweisen; und wenn Jugendliche kaum Raum – entsprechend ihrer Bedürfnislage – eingeräumt und zugestanden bekommen, ist das eine logische Konsequenz dieses Lebensstils der Erwachsenen. Wenn dann noch ein Selbstverständnis dazukommt – wie in unserer durch „Wohlstand aus dem Nichts“ ausgezeichneten Gesellschaft, das die jetzige Elterngeneration in ihrer Nachkriegsjugend vermittelt bekommen hat daß der materielle Wert, daß Geld eben Mehrwert für den Besitzenden bedeutet, wird verständlich, daß die Beachtung und Bewertung der Lebensansprüche von Kindern und Jugendlichen – ja selbst die innerfamiliären Beziehungen – geringer sind.

Wir leben in einer beziehungslosen Gesellschaft; und ich meine damit jede Nachbarschaft gestörter Beziehungen – selbst zu unseren nächsten Mitmenschen. Wenn der noch zu erwerbende Fernseher, Bungalow oder Videorekorder vielen wichtiger ist, als etwa die New-wave-style-Jugendbude, in der sich junge Menschen unvorzeigbar, aber wohl fühlen, ist der Zusammenhang der Sylter Verhältnisse mit bundesdeutscher Lebensphilosophie schnell herstellbar. Dieses Sylt ist überall.

Und dazu kommt der Einfluß der Touristen, die als Fremde kommen und sich – nur mit Geld – schnell die Bedeutung erkaufen, von der junge Leute träumen. So lernen die Jugendlichen das bedeutsame Prinzip des Marktes durch den Ausverkauf des Raumes persönlicher Beziehungen.

Die Lebenserfahrungen dieser Jugendlichen von Sylt sind der Grundstein für die vieldiskutierte Vereinsamung und Beziehungslosigkeit der Gesellschaft, die sie selbst so einrichtet.

Hans Lenhard