ZDF, Dienstag, 31. August, 22.05 Uhr: "Der Dirigent" von Andrzej Wajda

Die erste Begegnung mit der Neuen Welt: Marta, die junge polnische Geigerin, fährt durch die Straßen Manhattans, berauscht von der einzigartigen Atmosphäre. Die Fünfte Symphonie von Beethoven begleitet ihre Fahrt und reißt auch den Zuschauer hinein in dieses brodelnde, lebendige New York. In der Neuen Welt freilich spielt lediglich die Exposition zu Andrzej Wajdas 1979 gedrehtem Film "Der Dirigent". Ort der Handlung ist eine namenlose Provinzstadt in Polen. Wajda inszeniert keine atemlos-brisante Recherche wie in seinen engagiertesten Filmen "Der Mann aus Marmor" (1976) und "Der Mann aus Eisen" (1981), vielmehr ein Kammerspiel um Kunst und Liebe und Tod.

In Amerika, wo Marta (Krystyna Janda) sich als Stipendiatin aufhält, begegnet sie ihrem berühmten Landsmann Jan Lasocki (John Gielgud), dem Dirigenten, der vor mehreren Jahrzehnten seine Heimat verließ und seither internationale Erfolge feiert. Eine schicksalhafte Begegnung: für Marta Anlaß zur Kontemplation über Kunst und Karriere, für den alternden Dirigenten, der einst Martas Mutter liebte, Ursache zur Rückschau. Ein lange geplantes Jubiläumskonzert in Paris sagt er ab und fährt in seine Heimatstadt, dorthin, wo Marta mit ihrem Mann Adam (Andrzej Seweryn) und ihrer Tochter lebt.

Für Lasocki ist das eine Fahrt in die Vergangenheit, ein ganz und gar privates Unternehmen, das sich bald zu einem öffentlichen Spiel zwischen Künstler und Kunstverwaltern ausweitet. Die Funktionäre wollen den Maestro, der mit Adams Orchester ein Konzert geben will (die Fünfte von Beethoven), zum eigenen Ruhme ausnutzen. Dazu engagieren sie Profis aus der Hauptstadt. Lasocki, enttäuscht über diese Entscheidung, verläßt die Proben und wandert durch die Straßen seiner Heimatstadt, ein einsamer, alter, erhabener Mann. Schließlich reiht er sich ein in eine endlos scheinende Schlange von Menschen, die Karten für sein Konzert kaufen wollen. Er hört die lobenden und begeisterten Worte über den Maestro, setzt sich zu den Wartenden an den Straßenrand und stirbt dort – leise und zunächst unbeachtet, wie Gustav Aschenbach in Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung "Tod in Venedig".

Daß Kunst Liebe, aber auch Mittel zu Karriere und Macht sein kann, verdeutlicht Wajda an den Figuren Lasocki und Adam. Talent und Sensibilität sind zu spüren, wenn Lasocki mit dem Orchester arbeitet. Die emotionalen Ausbrüche Adams dagegen verraten nur Unsicherheit und vergebliche Mühe. In der Art, wie Wajda diese ungleichen Künstler agieren läßt, drückt sich seine eigene Auffassung von Kunst sinnfällig aus: "Wenn man irgendeine Disziplin (...) aus anderen Gründen als der Freude an eben dieser Tätigkeit betreibt, verbirgt sich dahinter ein Betrug..."

Auch wenn Wajdas Bilder zuweilen dokumentarisch wirken – er arbeitete viel mit der Handkamera –, sind doch die emotionalen Momente beherrschend: Szenen, in denen der Regisseur und damit der Zuschauer den Protagonisten ganz nahe ist. Als Marta dem Dirigenten in sanftem Kerzenlicht gegenübersitzt, ist sie für ihn nicht mehr Marta, sondern ihre Mutter Anna, deren Namen er leise ausspricht. Vergangenheit und Gegenwart werden eins.

"Der Dirigent" ist eine subtile Kritik an der oft unguten Allianz von Künstlern und Kunstverwaltern. Der Satz "Man muß sein Orchester lieben, nicht dressieren" mag als Anspielung auf polnische Verhältnisse gemeint sein, aber auch bei uns hat er durchaus seine Bedeutung.

Anne Frederiksen