Die Guillotine, das schauerlich-berühmte Fallbeil, das in Frankreich während der Französischen Revolution eingeführt wurde und von dem es viele Exemplare gab, nämlich mindestens eine in nahezu jeder französischen Stadt, hat den Namen nach dem französischen Arzt Dr. Josef Ignace Guillotin. Aber zu Unrecht wird Dr. Guillotin, der 1789 zu den Deputierten der Nationalversammlung gehörte, von vielen für den Erfinder der Guillotine gehalten. Guillotin hatte lediglich (am 10. Oktober 1789, also drei Monate nach dem Ausbruch der Revolution) in der Nationalversammlung den Antrag gestellt, künftig die Todesstrafe in einer für alle Stände gleichen, humaneren Form vollstrecken zu lassen. Und dafür schien ihm eine „Köpfmaschine“ am besten geeignet.

Es wäre unbillig, dem als freundlich geschilderten Arzt bei seinem Vorschlag anderes zu unterstellen als eben jene Motive der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen, die auch bei der Todesstrafe gelten sollten. Daß sich die Geschichte der von Guillotin beantragten Köpfmaschine später so ganz anders entwickelte, So völlig im Widerspruch zu allem Humanen, konnten sich zu jener Zeit, als die Revolution ja noch ganz unblutig verlief, weder er noch die anderen Deputierten vorstellen. Und das ist ihm gewiß nicht anzulasten.

An jenem 10. Oktober 1789 reagierten die Vertreter der Nationalversammlung auf seinen Antrag, indem sie den Sekretär der Chirurgischen Akademie zu Paris, Dr. Antoine Louis, um ein Gutachten über einen solchen Hinrichtungsapparat baten und um die Anfertigung eines Modells, Erstaunlicherweise konnte sich Antoine Louis für beides etwa zweieinhalb Jahre Zeit lassen. Erst im März 1792 war das Modell fertig, übrigens nicht von ihm gebaut, sondern von einem deutschen Mechaniker namens Schmitt. Auch das Gutachten (nach heute gängigem Maß kaum zwei Schreibmaschinenseiten lang) lag nun vor, unterzeichnet am 7. März 1792. Darin erklärte Antoine Louis die unterschiedlichen Wirkungen von geraden und konvexen Schneiden, lobte die alten Streitäxte wegen ihres scharfen Schnitts, meinte aber, daß es für einen „Vollzieher“ nicht immer möglich sein könne, den Hals eines Opfers so sicher zu durchschlagen, daß „auf eine schleunige und völlige Trennung gewiß zu rechnen sei“, weil dessen „Geschicklichkeit durch moralische oder physische Ursachen“ einem Wechsel unterworfen sei.

In der Tat gibt es ja genug Beispiele für schlechte Henkersarbeit. Eines der berühmtesten ist die Hinrichtung Maria Stuarts: Da gelang es dem Henker erst mit dem dritten Schlag, der Königin den Kopf vom Rumpf zu trennen. „Es wird zur Unfehlbarkeit der Prozedur notwendig erfordert“, schrieb Dr. Louis, „daß solche von mechanischen unveränderlichen Kräften abhänge, deren Stärke und Wirkung auf das genaueste bestimmt werden könne.“ Das jedoch sei nur durch eine Köpfmaschine zu erreichen: Nur durch sie werde „die Enthauptung dem Geiste und Wunsche des neuen Gesetzes gemäß in einem Augenblick“ möglich sein,

In seinem Gutachten beschrieb er, wie eine solche Maschine funktionieren müsse, Und da zeigt sich nun, daß er sich auf eine schon in Betrieb befindliche Köpfmaschine berief. Also hat auch er, der mindestens so oft wie Dr. Guillotin als ihr Erfinder genannt wird, die Maschine nicht erfunden, die anfangs seinen Namen trug, nämlich „Louisette“ oder „Petit Louisen“. Was er beschrieb, gab es bereits in England: „Man hat diese Todesart in England eingeführt. Der arme Sünder wird auf den Bauch zwischen zwei Pfähle oder Pfosten gelegt, die oben durch ein Querholz verbunden werden, von welchem man das convexe Beil auf den Hals herabfallen läßt. Der Rücken des Instruments muß stark und schwer genug sein, um gehörig wirken zu können, ungefähr wie der Fallbock beim Pfähle-Einrammen wirkt. Es ist bekannt, daß seine Kraft sich in dem Maße der Höhe multipliziert, aus welcher er herabfällt.“ – Daß es eine solche Vorrichtung längst auch in Deutschland gab, und zwar schon im 16. Jahrhundert, zeigt ein Holzschnitt von Lukas Cranach, auf dem eine Hinrichtung durch das Fallbeil dargestellt ist;

Die Franzosen führten die Köpfmaschine erst ein, nachdem Ludwig XVI. – zu der Zeit noch König – das Modell und die humane Todesart (die er bald am eigenen Hals erfahren mußte) theoretisch für gut befunden hatte. Für den Bau der „nützlichen“ Maschinen stellte der längst bankrotte Staat am 25. März 1792 sieben Millionen Livres zur Verfügung; Die Maschinen wurden gerade rechtzeitig fertig, um den Jakobinern unter Robespierre, den Führern der zweiten, radikalen Revolution, als willkommenes Instrument ihrer Schreckensherrshaft dienen zu können – bis auch diese Diktatoren selber wie vor ihnen der König und Tausende „Konterrevolutionäre“ ihre Opfer wurden.