Von René Drommert

Schmeicheleien dürfen beiseite gelassen werden. Wer jetzt nach Mailand kommt, findet keine besonders gemütliche Stadt vor. Man tut außerdem gut daran, sich zu erinnern, daß es in der italienischen Sprache überhaupt keine Man kabel für (unsere) „Gemütlichkeit“ gibt. Die lombardische Kapitale, die 1,7 Millionen Einwohner Stadt der Wirtschaft, des der Banken, der nationalen und internationalen Kongresse: voller Vitalität auch Kunst, aber man ist doch etwas überrascht, wenn diese alles andere als realitätsfremde, mit Rom vielfach konkurrierende Stadt sich dennoch plötzlich zu verwandeln oder zu maskieren scheint, wenn sie mit Energie kulturelle Positionen verteidigt und jetzt zahlreiche Veranstaltungen bietet, die nicht einmal einem Lombarden, sondern einem Toskaner gelten: Leonardo da Vinci. Das Leonardo gewidmete Jubiläum, das sich mit der Jahreszahl 500 brüstet, erscheint zunächst etwas gekünstelt, aber das Resultat der Unternehmungen insgesamt rechtfertigt die Initiative und den Stolz der Bürger vollauf. Im Jahre 1482 trat Leonardo in den Dienst der Sforza und blieb zunächst bis 1499 im Dienste des Herzogs Ludovico il Moro.

Man sieht zur Zeit in Mailands Straßen viele Transparente, die meisten tragen den Namen Leonardo und weisen hin auf ihm gewidmete Ausstellungen, Vortrage, Diskussionen und Konzerte, Veranstaltungen, von denen einige erst im nachsten Jahr stattfinden.

Wer war Leonardo? Zur Beantwortung dieser Frage genügt es keineswegs, seine wichtigsten Fachgebiete zu kennen, sei es Malerei, Plastik, Architektur, Physik, Mechanik, Botanik, Zoologie, Geologie, Hydrologie, Aerologie, Musik, Lyrik, Kunsttheorie. Man vergißt beispielsweise oft, daß Leonardo auch gelegentlich bei Aufführungen im Kastell des Herzogs Regie geführt hat. Deshalb ist es sinnvoll, daß bis September 1983 Veranstaltungen unter dem Motto „Leonardo und Bühnenstücke seiner Zeit“ angekündigt werden.

Man darf sich nicht einbilden; Tuchfühlung mit einem Genie sei eine leichte Sache. Nimmt man die Begegnung mit Leonardos Lebenswerk ernst, so macht man bald die Erfahrung, daß der Weg zu ihm mit Ungemütlichkeiten verbunden ist. Die erste, dominierende Ungemütlichkeit wird durch seine universale Genialität verursacht. Auf allen Gebieten hat Leonardo Großartiges geleistet. Aber das Ganze ist mehr als die Summe der Teile, etwas anderes, Zusätzliches. Wie kommt man da mit. rationalistischen Methoden heran? Man bleibt bestenfalls im Vorhof des Verstehens.

Der Ungemütlichkeiten zweiter Teil ist leichter abschätzbar. Bei den technischen Erfindungen, Entwürfen, Plänen, Skizzengeht es auch um Dinge, die gegen den Menschen gerichtet sind: um Waffen. In der Ambrosiana sehen wir zwar Entwürfe für Goldwalz- oder Plüschwebemaschinen, für Entfernungsmesser, Hohlspiegel, mehrgeschossige Straßen, Fallschirme, Kräne und vieles andere mehr. Aber auffällig sind die Mörser und die Kanone, mit der man aus 36 Rohren gleichzeitig feuern kann: ein Vorläufer der „Stalinorgel“.

Es liegt nahe zu fragen, ob Leonardo, der doch durch seine vielseitigen künstlerischen Leistungen ein Wohltäter der Menschheit geworden ist, nicht auch ein Militarist war. Oder war für ihn das Erfinden sozusagen eine „abstrakte Kunst“, ein sich selber genügender schöpferischer Prozeß, in dem die inhumanen Konsequenzen von Waffenerfindungen nicht zu Ende gedacht wurden? Die Antwort ist schwer zu finden, das Problem bleibt extrem ungemütlich.