Von Sophie Behr

Sie sitzt da, zurückgelehnt, lächelnd und hört zu, eine Spur belustigt, wie ein junger Mann ihr und den zwei älteren Kindern ein Farbwählspiel erläutert. Wir sind in einem Århuser Restaurant, bis auf mich sind alle an ein Tischchen gegangen, wo das letzte Licht des Junitages für den Farben-„Test“ gebraucht wird. Ich sehe Gretchen das erste Mal „mit Abstand“. Und wie sie da sitzt, mit diesem ganz offenen Gesichtsausdruck, geneigt, die Arme über violetter Bluse verschränkt, die Beine breit nebeneinander gestellt in den selbstgenähten, bauschigen Khakihosen, weiß ich: das ist mein intensivster Eindruck vom Besuch bei Gretchen Klotz in Dänemark

Es ist auch meine Ahnung des früheren Gretchens, drall, unbekümmert, amerikanisch im Sinne von „Flower Power“ und Bürgerrechtsbewegung. – Sie hat mal, ganz jung, in Chicago schwarze Freunde nach Hause eingeladen, da kam, ungerufen, die Polizei; man dachte, ein Überfall.

So lustig, so kraftvoll und „breit“ ist sie jetzt nur selten. Meist hat sie die Schultern vorn, den Kopf ein bißchen eingezogen, das Gesicht mit den mandeligen braunen Augen ist ernst, fast hager, die Haare trägt sie kurz. Sie spricht melodisch aber leise. Nur selten das Glucksen in der Stimme, das wohl Rudi Dutschke auch meinte, wenn er sie „mein Kobold“ genannt hat. Gretchen scheint zu frieren. Eine schutzbedürftige, zierliche Person. Beim Abschied noch bin ich wieder betroffen über ihre schmale Hand.

Sie hat ihren Namen, schon 1975, standesamtlich wieder in Gretchen Klotz ändern lassen, „weil es mir nicht gefiel, daß man so vollkommen die Frau von Dutschke ist“. Sie ist dann aus der SPD geworfen worden, denn die Genossen fühlten sich düpiert, weil sie eine Frau Klotz aufgenommen hatten aber nicht Frau Dutschke hatten aufnehmen wollen. Ich bin mit dem Vorsatz gekommen, den Menschen Gretchen Klotz-Dutschke kennenzulernen, nicht Dutschkes Witwe.

Sie ist Amerikanerin, hat von 1964 bis 1968 in West-Berlin gelebt, dann in Italien, England, Irland und seit 1971 in Dänemark. Die Kinder, 1968. 1969 und 1980 geboren, fühlen sich in Århus zu Haus. Als was fühlt sie sich, Amerikanerin, Dänin, Deutsche, ein bißchen von allem?