Von Peter Brosche

Heute ist es selbstverständlich, daß die Naturwissenschaftler ihre Ergebnisse rasch und weltweit austauschen, ja daß sie oft bereits auf dem Weg zu diesen Ergebnissen auf eine intensive internationale Zusammenarbeit angewiesen sind. Das gilt ganz besonders für die Astronomie. Sie ist nicht nur die älteste unter den exakten Naturwissenschaften, sie ist auch eine beobachtende Wissenschaft, bei der jede Beobachtung im Prinzip unersetzlich ist. Kein Wunder, daß in der Astronomie sehr früh Formen des Informationsaustausches und der Zusammenarbeit entstanden, die für andere Disziplinen zu Vorbildern wurden – zum Beispiel Fachzeitschriften, Kongresse und Fachverbände.

Ein Wissenschaftler, der zu den Gründervätern aller dieser Formen gehört, sollte eigentlich nicht ganz vergessen sein – und doch ist es so, zumindest den neueren Lexika zufolge. Der wichtigste Grund ist sicher die Existenz der „zwei Kulturen“: Wer der falschen angehört, ist zwischen Newton und Einstein weder medien- noch briefmarkenwürdig. Dazu kommt noch, daß die spezifische Leistung eines Organisators oder Managers in der Wissenschaft allenfalls in der Gegenwart anerkannt wird, während uns die ältere Wissenschaft eher als ein Mosaik individueller Leistungen erscheint.

Die Rede ist von dem Astronomen Franz Xaver von Zach, der vor 150 Jahren, am 2. September 1832, im Alter von 78 starb. Der Sohn eines Arztes im ungarischen Pest wurde vermutlich in einem Jesuiten-Konvent erzogen – vielleicht die Ursache seiner späteren tiefen Feindschaft zu den Jesuiten.

Für einen astronomisch interessierten jungen Mann gab es damals wenig Möglichkeiten: die Universitäten oder das Militär, allenfalls – als seltene Ausnahme – ein Gehilfenamt bei einem wohlhabenden Liebhaber der Muse Urania. Die Universitätsstellen waren rar und schlecht bezahlt. Beim Militär ging es um die Anwendung und nicht um die Erzielung wissenschaftlicher Durchbrüche. Und bei reichen Privatiers hing das Schicksal ganz von deren Launen ab. Astronomie umfaßte damals, Mitte des 18. Jahrhunderts, auch die Geodäsie (das Vermessungswesen) und die Anfänge der Geophysik: naturgemäß Gebiete von militärischem Interesse. Wir wissen nicht, ob es Zachs spezielle Neigung zu den geodätischen Teilen der Astronomie war oder eher der finanzielle Zwang, der ihn in das österreichische Militär eintreten ließ, wo er bis zum Hauptmann oder Major avancierte. Zach half bei Vermessungen und arbeitete auf der Sternwarte in Lemberg. Nach einigen Jahren verließ er das Militär und wurde in Lemberg Professor für Mechanik – eine Professur, die unter Maria Theresia eigens für ihn errichtet wurde, während sie ihr Nachfolger Joseph aus finanziellen Gründen wieder aufhob.

Zach wartete vergeblich auf einen Ruf in die Astronomie und ging schließlich ins Ausland. Er reiste in Italien, hielt sich in Paris und von 1783 an in London auf. Dort wurde er mit den wichtigsten Astronomen bekannt, aber auch mit dem sächsischen Gesandten, Graf Hans Moritz von Brühl, einem großen Liebhaber der Astronomie. Bei ihm wurde Zach Gesellschafter, Lehrer der Kinder und eben auch astronomischer Assistent. Damit hatte Zach alle drei Möglichkeiten für einen damaligen Astronomen selbst durchlaufen.

Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha, ein noch größerer Liebhaber der Astronomie, wollte ein neues Observatorium einrichten und wandte sich deswegen an den Grafen Brühl, der ihm Zach als künftigen Leiter empfahl. Als der Astronom 1786 nach Gotha kam, passierte er nebenbei auch eine Grenze, die in den Gelehrten-Biographien des 18. Jahrhunderts immer wieder erkennbar ist: die der Religion. Zach kam über den Gesandten des katholischen Hofe des Königreichs Sachsen zu dem protestantischen Herzog von Sachsen-Gotha. Ernst II. einzige Besorgnis war, daß er einen verkappten Jesuiten anstellen könnte – ein Verdacht, den Graf Brühl ausräumen konnte.