• Frau Kessler, Ihre Gewerkschaft hat den Prozeß der Schickedanz-Frauen unterstützt. Sind Sie mit dem Ergebnis des Grundsatzurteils zufrieden?

Kessler: Ganz sicher ist das ein Teilerfolg. Künftig kann der Kampf gegen die Lohndiskriminierung in den Betrieben konkreter geführt werden. Nicht zufrieden sind wir allerdings damit, daß das Bundesarbeitsgericht sich um die Entscheidung in der Hauptfrage, nämlich der Arbeitsmarktzulage, herumgedrückt hat.

  • Was ist darunter zu verstehen?

Kessler: Mit der Arbeitsmarktzulage werden finanzielle Anreize für Männer geschaffen, weil sie für die niedrigen Frauenlöhne sonst nicht zu haben sind. Nach der gewerkschaftlichen Auffassung würde es ein Abschiednehmen vom Lohngleichheitsgrundsatz bedeuten, wenn es zulässig wäre, eine übertarifliche Zulage mit unterschiedlichen Arbeitsmarktchancen rechtfertigen zu wollen. Das hat mit dem Prinzip „gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“ überhaupt nichts mehr zu tun,

  • Nach Ihren Berechnungen sind den weiblichen Beschäftigten im vergangenen Jahr insgesamt rund vierzig Milliarden Mark wegen Mißachtung des Gebots der Lohngleichheit vorenthalten worden. Was bewirken da Einzelprozesse wie die von Schickedanz oder den Heinze-Frauen, die im letzten Herbst Schlagzeilen machten?

Kessler: Wir haben nie damit gerechnet, daß wir mit Prozessen allein die Lohndiskriminierung beseitigen können. Deshalb haben wir um diese Prozesse herum eine breite Solidaritätsbewegung durch Unterschriften-Aktionen und Demonstrationen entwickelt.

  • Haben die Gewerkschaften nicht auch Versäumtes nachzuholen? Haben sie nicht lange genug vor diesen Problemen der Frauen die Augen zugemacht?