Hans Christian Andersen hat viele Hommagen aushalten müssen. Kenntnisreich, ungespreizt, klar und schön ist der kurze Aufsatz von Egon Monk, den Hans Joachim Gelberg einer jetzt erschienenen Auswahl von einundzwanzig Märchen aus dem Teekessel in einem Nachwort beigegeben hat... „Branchen wir zum Märchenlesen günstige Umstände? Muß uns poetischzumute sein?“ Monk verneint die gestellten Fragen: „Märchen, können auch ohne förderliche Umstände gelesen werden.“

Unförderlich indessen, weil sie die Märchenstimmung beeinträchtigen können, sind Illustrationen, die mit schwülstigen oder kitschigen, plumpen oder klamaukigen Bildern den Kontext verfälschen. Von Vilhelm Pedersen bis Salvadore Dali sind Andersens Märchen in Bilder umgesetzt worden: von großen Illustratoren wie Richter und Pocci, Rackham und Doré, aber auch minderen Schnellzeichnern, die schlecht und schlicht Klischees in Szene gesetzt haben. Als Bilderbuch sind jetzt im Carlsen Verlag Andersens „Wilde Schwäne“ erschienen –

Hans Christian Andersen: „Die wilden Schwäne“, illustriert von Susan Jeffers,bearbeitet von Amy Ehrlich; Verlag Carlsen, Reinbek, 40 S., 24,80 DM. Der Textbearbeitung begegnen wir bereits im ersten Satz: „Weit fortvon hier, dort, wo die Schwalben hinfliegen, wenn wir Winter hatten, wohnte ein König, der elf Söhne und eine Tochter, – Elisa, hatte“, heißt es in der ungekürzten Märchenfassung (aus dem Dänischen von Eva-Maria Blühm) der dreibändigen Andersen-Märchen-Ausgabe des Insel Taschenbuch Verlags.

„Weit von hier, in einem warmen, freundlichen Land, lebte einmal ein König, der hatte elf Söhne und eine Tochter.“ Das ist der Anfang in der Bilderbuch-Fassung bei Carlsen. Amy Ehrlich hat den Text nicht vereinfacht, sondern versimpelt. Schade! Das ist deshalb so unverständlich wie ärgerlich, weil die Bilder von Susan Jeffers einfühlsam und zärtlich sind: kolorierte Federzeichnungen in weichen Pastelltönen, in manchen Bildgesten etwas geschmäcklerisch, aber, von jedem Blatt geht eine stille. anrührende Trauer aus, auch Lieblichkeit und Anmut, die zwar gelegentlich die Grenzen des allzu Sentimentalen gefährlich streifen, durch eine ehrliche Naivität aber auch überzeugen.

Ganz anderer die Illustrationen von Anne Heseler zu „Fliedermütterchen“, –

Hans Christian Andersen: „Fliedermütterchen“; mit Bildern von Anne Heseler; Insel Verlag, Frankfurt; 26 S., 16,– DM.

Da ist eine Graphikerin, die gewandt und handwerklich perfekt, mit Techniken umzugehen weiß: strahlende lichte Farbigkeit, flächige Komposition, deutliche Kontur, eine plakative Graphik, die an Jugendstil-Arbeiten und manche Blätter von Gertrud Caspari erinnert. Die Bilder, sind liebenswürdig kalkuliert. Biedermeierliches Kostüm, artige Vignetten, reizende Medaillons, Motive, die Pfiff, Raffinesse und einen durchaus bedachten Nostalgie-Effekt haben. Nur märchenhafte Unschuld mag man den hübschen Illustrationen nicht glauben.