Wie die katholischen Bischöfe im Dritten Reich mitschuldig wurden,

Von Georg Denzler

Den Klerus bitte und warne ich immer und immer wieder, er möge sich doch umstellen und nicht durch persönliche Unklugheiten der kirchlichen Sache schaden.“ Diese Mahnung des Freiburger Erzbischofs Dr. Conrad Gröber vom 1. Februar 1934 ist typisch für das Verhalten der katholischen Bischöfe im Dritten Reich: kluge Anpassung, nicht gefährlicher Widerstand! hieß die Devise.

Wie unhaltbar die These vom allgemeinen Widerstand der Kurie und der Bischöfe ist, hat jetzt ein Mann bestätigt, der einer der bestinformierten Funktionäre im Dritten Reich gewesen ist: Albert Hartl, ehedem Mitarbeiter des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, und Leiter des Referats „Politische Kirchen“ im Reichssicherheitshauptamt. Hartl ist fest davon überzeugt, daß die Päpste in Rom ebenso wie die Bischöfe in Deutschland gegen den NS-Staat nur mit minimaler Opposition aufgetreten sind, ja, daß sie durch falsche Rücksicht und ängstliches Schweigen Hitler und seiner Regierung für ihre verbrecherischen Methoden und Ziele freie Bahn gelassen haben, statt ihnen immer wieder Hindernisse in den Weg zu legen.

1929 vom Münchner Erzbischof und Kardinal Michael Faulhaber im Freisinger Dom zum Priester geweiht, wirkte Hartl zunächst als Studienpräfekt in München und Freising und als Religionslehrer an höheren Schulen. Nach einem verhängnisvollen Zusammenstoß mit Direktor Roßberger, seinem Chef im Erzbischöflichen Studienseminar zu Freising, verließ er am 5. Januar 1934 den kirchlichen Dienst – er war zu dieser Zeit bereits Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Kurz darauf trat er aus der Kirche aus und in die SS ein. Schnell kletterte er auf der Stufenleiter bis zum SS-Standartenführer, dem der militärische Dienstgrad eines Obersten entsprach.

Der Abschied von der Kirche fiel dem jungen Priester Hartl nicht schwer, weil ihn schon während seines Theologiestudiums wachsende Glaubenszweifel bedrängt hatten. Er war immer mehr zu der Überzeugung gekommen, daß die Kirche primär nicht als eine religiöse Institution anzusehen sei. Spätere Erfahrungen im Umgang mit hohen Kirchenführern und Kirchenbehörden sollten ihn in dieser Einschätzung nur bestätigen.

Hartl erblickte in Himmlers und Heydrichs Angebot, im Rahmen des Sicherheitsdienstes (SD) eine wissenschaftliche Forschungsabteilung für die Beziehungen zwischen dem Nationalsozialismus und den Kirchen aufzubauen, „eine herausfordernde, ja, abenteuerliche Aufgabe“. Er fragte sich nur, ob ihm dieses Vorhaben am erfolgreichsten innerhalb oder außerhalb der Kircheninstitution gelingen könnte. Daß er den Weg des Apostaten wählte, stellte sich bald als sehr vorteilhaft heraus. Bei einem unserer Gespräche in einem Münchner Hotel bekannte Hartl rückschauend: „Von dem Augenblick an, da ich führenden Bischöfen sagen konnte, daß ich nicht mehr Theologe, sondern SS-Führer bin, sprachen höchste Kirchenvertreter viel offener mit mir.“