Die Aufhebung des Kriegsrechts in Polen wollte eine ominöse „Aufständische Heimatarmee“ erzwingen. In Bern nahm sie dreizehn Geiseln und drohte, die polirische Botschaft in die Luft zu sprengen.

Hier, Kommandant!“ schrie der Geiselnehmer ins Telephon. Und in gebrochenem Deutsch stellte er sich vor: „Ich bin Oberst Wysocki, der Führer der Aufständischen Polnischen Heimatarmee. Ich bin ein Verwandter von Pjotr Wysocki, unserem Nationalhelden, der 1830 den Aufstand der polnischen Kadetten gegen die russischen Besatzer angeführt hat.“

An der Spitze eines kleinen Kommandos stürmte der 42jährige „Oberst“ am vergangenen Montag die polnische Botschaft zu Bern und nahm 13 Geiseln in seine Gewalt. Die Botschaftsbesetzer kündigten an, sie wollten das Leben der polnischen Diplomaten schonen unter der Bedingung, daß

  • der Kriegszustand in Polen aufgehoben wird;
  • alle polnischen Gefangenen freigelassen werden;
  • alle Gefangenenlager aufgelöst werden;
  • die Repression gegen das polnische Volk gestoppt wird.

Andernfalls werde das Gebäude an der Elfenstraße 20 a samt Geiseln und Geiselnehmern „in die Luft gesprengt“ – 25 kg Dynamit sollten in Polen eine Wende bringen.

„Oberst“ Wysocki, wenn er wirklich so heißt, wird kaum seinem Vorfahren gleich als Nationalheld in die Geschichte Polens eingehen. Entschieden verurteilten die zahlreichen Solidarność-Gewerkschafter im Schweizer Exil den „Terrorakt“ und die „Provokation“. Die „Nationale Koordination“ von Solidarność in der Schweiz ließ wissen, der Handstreich gebe dem polnischen Militärregime eine Gelegenheit, „seine Gewalt zu rechtfertigen“. Und sofort rückte die polnische Nachrichtenagentur denn auch die Botschaftsbesetzer in die Nähe der „Extremisten von Solidarność“.

Der „Oberst“ Wysocki freilich stellte jede Verbindung zur Gewerkschaft sowie zu den Schweizer Exil-Polen in Abrede: „Wir sind keine Arbeiter. Wir sind Nationalisten, Antikommunisten. Wir sind alle letzte Woche in die Schweiz eingereist.“

Die bislang unbekannte „Aufständische Polnische Heimatarmee“ mit angeblich 250 Kämpfern in ihren Reihen beruft sich auf das Erbe und das Prestige der „Polnischen Heimatarmee“, die im Zweiten Weltkrieg den Kampf gegen die deutschen Besatzungstruppen aufnahm.

Den Überfall auf die laut ihren Besetzern „faschistische diplomatische Vertretung des polnischen Regimes“ verurteilte der für seine harte Hand bekannte Schweizer Justizminister Kurt Furgler als „kriminellen Akt“. Der von ihm geleitete Krisenstab, in Tuchfühlung mit den polnischen Behörden, griff auf die Vermittlerdienste des 80jährigen Dominikanerpaters Joseph Bochenski zurück. Der gebürtige Pole war Professor an der Universität Fribourg und gilt als einer der besten Kenner der marxistischen Philosophie. Dem betagten Draufgänger – er liebt schnelle Wagen und lernte mit 67 Jahren fliegen – gelang es, das Gespräch mit den Botschaftsbesetzern aufzunehmen. Dank seinen Bemühungen schenkten sie noch vor Ablauf ihres Ultimatums am Mittwoch um zehn Uhr zwei Geiseln – eine schwangere Frau war schon vorher entlassen worden – die Freiheit.

Roger de Weck (Zürich)