Von Hagen Schulze

I Bonn, 23. Februar 1972: Erste Lesung der Ostverträge mit Polen und der Sowjetunion im Deutschen Bundestag. Die Wogen der Emotionen gehen hoch; im Kern stehen nicht Austausch von Botschaftern, Herstellung üblicher völkerrechtlicher Beziehungen, „Normalisierung“ zur Debatte, sondern die Zukunft Deutschlands in Europa. Geht es, wie die christdemokratische Opposition will, um den Primat des Verfassungsgebots der Wiedervereinigung „in den Grenzen von 1937“, das freilich mit den Verträgen ein weiteres Stück Unwirklichkeit annähme – oder soll die mit großem moralischen Pathos von der sozial-liberalen Regierungskoalition verkündete „Neue Ostpolitik“ der alten Verkrampfung der Adenauer-Ära ein Ende bereiten, Entspannung und Versöhnung in Europa fördern, auch auf Kosten des Traums von der Wiedervereinigung aller Deutschen, die doch nach Lage der Dinge nur gegen den Willen der Sowjetunion und Polens zu haben wäre? Geht es den Deutschen, anders gewendet, um die Einheit ihrer Nation, oder ist das Thema überholt?

Den Ton der Debatte gibt der Oppositionssprecher Richard von Weizsäcker an: Um die Neuerrichtung des deutschen Nationalstaates geht es vor allem, wie ihn Bismarck 1871 begründet habe – denn wenn man ihn aufgäbe, was hätten die Deutschen statt dessen? „Ich meine, Nation ist ein Inbegriff von gemeinsamer Vergangenheit und Zukunft, von Sprache und Kultur, von Bewußtsein und Wille, von Staat und Gebiet. Mit allen Fehlern, mit allen Irrtümern des Zeitgeistes und doch mit dem gemeinsamen Willen und Bewußtsein hat diesen unseren Nationsbegriff das Jahr 1871 geprägt. Von daher – und nur von daher – wissen wir Heutigen, daß wir uns als Deutsche fühlen. Das ist bisher durch nichts anderes ersetzt.“

Der Unionspolitiker stößt auf breiten Widerspruch. Erhard Eppler (SPD) wirft ihm vor, er verwechsle Staat und Nation, denn der Bismarck-Staat habe große Teile der Nation, wie Katholiken und Sozialisten, diskriminiert und als „Staatsfeinde“ gebrandmarkt. Für Carlo Schmid (SPD) ist die deutsche Nation ein Übergangsstadium, historisch gegeben, doch fast schon überwunden, ein Schritt auf dem Weg zur Nation Europa. Und selbst bei seinen Fraktionskollegen findet Weizsäcker nicht bloß Zustimmung; Franz Josef Strauß (CSU), den anschließend Horst Ehmke (SPD) ausdrücklich unterstützt, weist darauf hin, daß Deutschland zunächst nichts anderes war als ein Bündel deutscher Staaten, Preußen, Bayern, Württemberg, Sachsen und viele andere, die sich erst spät und nur für einige wenige Jahrzehnte zu einem Nationalstaat zusammengeschlossen haben.

II Man denke sich Argumente wie diese in einem anderen Parlament, etwa in der franzö soeben Nationalversammlung: Die Dritte Republik (beispielsweise) Brennpunkt der nationalen Identität; die Nation unverbunden mit dem Staat; die Regionen älteren und erhabeneren Rechts als die „nation une et indivisible“ ... Undenkbar, absurd. Wenn die französische Nation sich in ihrer Geschichte erkennt, dann ist es stets die gleiche Nation und die gleiche Geschichte, es sind die gleichen Daten und Figuren, die gleichen Mythen. Der Faden der Identität zieht sich vom Merowingerreich bis in die Gegenwart: Charlemagne und die Heilige Johanna, der Sonnenkönig und Danton sind lebende Gegenwart, die „Gesta Dei per Francos“ des Mönchs Guibert de Nogent aus dem 11. Jahrhundert sind das Urbild französischer Kulturpropaganda bis heute, das Andenken an den Bastillesturm von 1789 eint das Volk von den Kommunisten bis zur Nouvelle Droite, und selbst die großen Verbrecher, Robbespierre, Napoleon, werden zum höheren Ruhm der Grande Nation gerechtfertigt. Gewiß, es gibt eine große kritische Tradition der französischen Geschichtswissenschaft; kaum der Heiligtum des historischen Selbstverständnisses Frankreichs, das nicht von französischen Wissenschaftlern entmythologisiert worden wäre, von der Großen Revolution bis zur Résistance, aber das gibt lediglich Stoff für funkelnde intellektuelle Diskurse, die einen Sommer dauern. Das Bild der Franzosen von ihrer Geschichte ändert sich nicht, die Stichworte, die Namen, die Epochen, die Urteile bleiben unverrückbar, Sedimentgestein im kollektiven Nationalbewußtsein, in dem Einheit und Identität wurzeln.

Das ist, mutatis mutandis, das übliche Verhältnis, das die europäischen Völker zu ihrer Geschichte unterhalten, sofern ihnen nicht diktatorische Machthaber eine künstliche Geschichte überstülpen, der kommunen Machtsicherung wegen. Der Blick nach England ergibt nichts anderes; den Angelsachsen ist ihre geschichtliche Identität so selbstverständlich, daß die Encyclopedia Britannica dem Begriff „Nation“ keine einzige Zeile widmet – das braucht nicht erklärt zu werden. Und selbst Italien, „verspätete Nation“ wie Deutschland, erlebt heute wie eh und je den Rinascimento, die Einigungsbewegung des 19. Jahrhunderts, als bis in das Mittelalter zurückprojizierten Kampf um die Herstellung der italienischen Nation, ohne Unterschied der Parteien; das italienische Geschichtsbewußtsein ist stark genug, um selbst Monumente der faschistischen Ära zu ertragen – der Obelisk jenseits der Milvischen Brücke trägt immer noch das „Mussolini Dux“ in gewaltigen Lettern, ohne Anstoß zu erregen.