Von Hagen Schulze

I Bonn, 23. Februar 1972: Erste Lesung der Ostverträge mit Polen und der Sowjetunion im Deutschen Bundestag. Die Wogen der Emotionen gehen hoch; im Kern stehen nicht Austausch von Botschaftern, Herstellung üblicher völkerrechtlicher Beziehungen, „Normalisierung“ zur Debatte, sondern die Zukunft Deutschlands in Europa. Geht es, wie die christdemokratische Opposition will, um den Primat des Verfassungsgebots der Wiedervereinigung „in den Grenzen von 1937“, das freilich mit den Verträgen ein weiteres Stück Unwirklichkeit annähme – oder soll die mit großem moralischen Pathos von der sozial-liberalen Regierungskoalition verkündete „Neue Ostpolitik“ der alten Verkrampfung der Adenauer-Ära ein Ende bereiten, Entspannung und Versöhnung in Europa fördern, auch auf Kosten des Traums von der Wiedervereinigung aller Deutschen, die doch nach Lage der Dinge nur gegen den Willen der Sowjetunion und Polens zu haben wäre? Geht es den Deutschen, anders gewendet, um die Einheit ihrer Nation, oder ist das Thema überholt?

Den Ton der Debatte gibt der Oppositionssprecher Richard von Weizsäcker an: Um die Neuerrichtung des deutschen Nationalstaates geht es vor allem, wie ihn Bismarck 1871 begründet habe – denn wenn man ihn aufgäbe, was hätten die Deutschen statt dessen? „Ich meine, Nation ist ein Inbegriff von gemeinsamer Vergangenheit und Zukunft, von Sprache und Kultur, von Bewußtsein und Wille, von Staat und Gebiet. Mit allen Fehlern, mit allen Irrtümern des Zeitgeistes und doch mit dem gemeinsamen Willen und Bewußtsein hat diesen unseren Nationsbegriff das Jahr 1871 geprägt. Von daher – und nur von daher – wissen wir Heutigen, daß wir uns als Deutsche fühlen. Das ist bisher durch nichts anderes ersetzt.“

Der Unionspolitiker stößt auf breiten Widerspruch. Erhard Eppler (SPD) wirft ihm vor, er verwechsle Staat und Nation, denn der Bismarck-Staat habe große Teile der Nation, wie Katholiken und Sozialisten, diskriminiert und als „Staatsfeinde“ gebrandmarkt. Für Carlo Schmid (SPD) ist die deutsche Nation ein Übergangsstadium, historisch gegeben, doch fast schon überwunden, ein Schritt auf dem Weg zur Nation Europa. Und selbst bei seinen Fraktionskollegen findet Weizsäcker nicht bloß Zustimmung; Franz Josef Strauß (CSU), den anschließend Horst Ehmke (SPD) ausdrücklich unterstützt, weist darauf hin, daß Deutschland zunächst nichts anderes war als ein Bündel deutscher Staaten, Preußen, Bayern, Württemberg, Sachsen und viele andere, die sich erst spät und nur für einige wenige Jahrzehnte zu einem Nationalstaat zusammengeschlossen haben.

II Man denke sich Argumente wie diese in einem anderen Parlament, etwa in der franzö soeben Nationalversammlung: Die Dritte Republik (beispielsweise) Brennpunkt der nationalen Identität; die Nation unverbunden mit dem Staat; die Regionen älteren und erhabeneren Rechts als die „nation une et indivisible“ ... Undenkbar, absurd. Wenn die französische Nation sich in ihrer Geschichte erkennt, dann ist es stets die gleiche Nation und die gleiche Geschichte, es sind die gleichen Daten und Figuren, die gleichen Mythen. Der Faden der Identität zieht sich vom Merowingerreich bis in die Gegenwart: Charlemagne und die Heilige Johanna, der Sonnenkönig und Danton sind lebende Gegenwart, die „Gesta Dei per Francos“ des Mönchs Guibert de Nogent aus dem 11. Jahrhundert sind das Urbild französischer Kulturpropaganda bis heute, das Andenken an den Bastillesturm von 1789 eint das Volk von den Kommunisten bis zur Nouvelle Droite, und selbst die großen Verbrecher, Robbespierre, Napoleon, werden zum höheren Ruhm der Grande Nation gerechtfertigt. Gewiß, es gibt eine große kritische Tradition der französischen Geschichtswissenschaft; kaum der Heiligtum des historischen Selbstverständnisses Frankreichs, das nicht von französischen Wissenschaftlern entmythologisiert worden wäre, von der Großen Revolution bis zur Résistance, aber das gibt lediglich Stoff für funkelnde intellektuelle Diskurse, die einen Sommer dauern. Das Bild der Franzosen von ihrer Geschichte ändert sich nicht, die Stichworte, die Namen, die Epochen, die Urteile bleiben unverrückbar, Sedimentgestein im kollektiven Nationalbewußtsein, in dem Einheit und Identität wurzeln.

Das ist, mutatis mutandis, das übliche Verhältnis, das die europäischen Völker zu ihrer Geschichte unterhalten, sofern ihnen nicht diktatorische Machthaber eine künstliche Geschichte überstülpen, der kommunen Machtsicherung wegen. Der Blick nach England ergibt nichts anderes; den Angelsachsen ist ihre geschichtliche Identität so selbstverständlich, daß die Encyclopedia Britannica dem Begriff „Nation“ keine einzige Zeile widmet – das braucht nicht erklärt zu werden. Und selbst Italien, „verspätete Nation“ wie Deutschland, erlebt heute wie eh und je den Rinascimento, die Einigungsbewegung des 19. Jahrhunderts, als bis in das Mittelalter zurückprojizierten Kampf um die Herstellung der italienischen Nation, ohne Unterschied der Parteien; das italienische Geschichtsbewußtsein ist stark genug, um selbst Monumente der faschistischen Ära zu ertragen – der Obelisk jenseits der Milvischen Brücke trägt immer noch das „Mussolini Dux“ in gewaltigen Lettern, ohne Anstoß zu erregen.

III Was ist anders mit den Deutschen? Ihre Unfähigkeit, ein Geschichtsbild zu finden, das auf die Dauer Identität und Selbstbewußtsein der Nation verbürgt, hat eine Fülle von Ursachen, die aber allesamt auf einen letzten Grund zurückführen: die Mittellage. Deutschland: Das ist durch die Jahrhunderte hindurch europäisches Niemandsland, eine Fülle von „Deutschländern“ – les Allemagnes, wie die Franzosen sagen, eine Menge größerer und kleinerer Territorial Staaten zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt, in denen man in aller Regel Deutsch spricht, im übrigen aber dem jeweiligen Landesherrn und dessen Konfession anhängt und Kaiser und Reich allenfalls wie eine bunte Fata Morgana wahrnimmt, anrührend, aber weit entfernt und wesenlos. Da gibt es keinen natürlichen Mittelpunkt; kein Land hat in seiner Geschichte so viele Hauptstädte gehabt wie Deutschland, von Aachen über Goslar, Nürnberg, Prag, Wien, Frankfurt, Berlin bis Bonn. Das Land zerfließt, es hat keinerlei natürliche Grenzen, zudem ist seine Verkehrsgeographie von Gebirgen und Flüssen zernackt.

Und da ist die Verfassung des Heiligen Römischen Reichs, einer zunehmend metaphysischen Wesenheit ohne eigene Staatlichkeit, Organisation und Macht. Alles das ist auf die Territorien und Reichsstädte übergegangen, deren ,,Libertäten als selbständige Völkerrechtssubjekte durch einen internationalen Vertrag, den Westfälischen Frieden von 1648, garantiert sind – seitdem ist die Verfassung des Reiches Bestandteil des internationalen Rechts. Nur dieser amorphe Zustand Mitteleuropas hält den Kontinent in seiner Balance; „Deutschland, formlos von Natur“, schreibt später der Historiker Ludwig Dehio, „lag auf dem Schnittpunkt der Drucklinien der großen festländischen Politik, und seine Desorganisation war seit drei Jahrhunderten mit der Organisation des Staatensystems eng verknüpft.“ Jeder Übergriff einer europäischen Großmacht, aber auch jeder Versuch, im Zentrum Europas eine Großmacht entstehen zu lassen, ruft die Konkurrenz der übrigen Großmächte auf den Plan – das garantiert das Überleben und die Unabhängigkeit der deutschen Duodez-Fürstentümer und der Reichsstädte bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts.

IV Es bedarf der Erschütterungen durch die Französische Revolution, durch die Revolutionskriege, durch den Zusammenbruch des tönernen Giganten Preußen auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt, durch die napoleonische Okkupation, um den Deutschen das Gefühl der Identität und der nationalen Zusammengehörigkeit zu geben. Aber das ist vorerst ein ganz im Negativen wurzelndes Bewußtsein, geboren in der Abwehr des „korsischen Ungeheuers“. Die Deutschen sind allem voran nicht Untertanen Frankreichs – aber was sind sie statt dessen? Seit selbst der Name des Reichs 1806 mit dem Kaisertitel untergegangen ist, ist das letzte äußere Band zerrissen.

„Was ist des Deutschen Vaterland?“ fragt 1813 Ernst Moritz Arndt, „ist’s Preußenland, ist’s Schwabenland? Ist’s, wo am Rhein die Rebe blüht? Ist’s, wo am Bell die Möwe zieht? O nein! nein! nein! Sein Vaterland muß größer sein!“ Es muß sein – Deutschland als Wille und Vorstellung, als bloßer Optativ. Arndt nennt in seinem strophenseligen Vaterlandslied Provinz für Provinz, Land für Land, in aller Unschuld auch „Ist’s Land der Schweizer? Ist’s Tirol? Das Land und Volk gefiel mir Wohl“; verworfen wird auch „Österreich, an Ehren und an Siegen reich“ – das Vaterland muß größer sein. Und Arndt kommt zu dem Schluß: „So weit die deutsche Zunge klingt, Und Gott im Himmel Lieder singt, Das soll es sein! Das, wackrer Deutscher, nenne dein!“ Daß Gott im Dativ steht, sei hier am Rande bemerkt.

Deutschland: Eine Sprach-, eine Kulturnation – das ist die Idee Johann Gottfried Herders, für den der Geist der – Völker sich in ihrer Sprache offenbart. Ganz anders die Begründung der Nationalidee in Frankreich; sie ruht auf der rational organisierten Einheit von Volk – in Gestalt des Dritten Stands – und Staatswesen, ist eins mit dem Sprachgebiet und mit den natürlichen Grenzen Frankreichs innerhalb des „Hexagons“, zwischen Rhein und Pyrenäen, Alpen und Atlantikküste. Die französische Nation hat in der Gegenwart ihre Identität gefunden. Die deutsche dagegen besitzt keine Grenzen und kein Staatswesen, sie ist nicht mehr als eine utopische Projektion aus der Vergangenheit. Deutschland wird aus seiner Geschichte begründet; der Freiherr vom Stein schreibt es bereits in seiner Denkschrift vom 18. September 1812:

„Deutschland bildete im 10., 11., 12. und 13. Jahrhundert ein mächtiges Reich... Statt die deutsche Verfassung des Westfälischen Friedens herzustellen, würde es dem allgemeinen Besten Europas und dem besonderen Deutschlands unendlich angemessener sein, die alte Monarchie wieder aufzurichten...“ Das ist ein populärer Gedanke; Max v. Schenkendorf, der Lyriker der Freiheitskriege, dichtet: „Deutscher Kaiser! deutscher Kaiser! Komm zu rächen, komm zu retten, Löse deiner Völker Ketten, Nimm den Kranz, dir zugedacht!“ Die deutsche Zukunft ist die deutsche Vergangenheit, eine ferne, mehr geträumte als gewesene Vergangenheit; Schenkendorfs deutscher Kaiser ist nicht der Habsburger in Wien, sondern Kaiser Rotbart, der Hohenstaufe im Kyffhäuser.

Die Geschichte des Mittelalters wird zur nationalen Leidenschaft; Freiherr vom Stein gründet die „Monumenta Germaniae Historica die Sammlung deutscher mittelalterlicher Schriftquellen, ein bis heute andauerndes Riesenwerk.

Die Studenten organisieren sich in Burschenschaften, die Namen wie Teutonia, Germania oder Arminia tragen, und wer sich auf der Höhe des, Zeitgeistes fühlt, trägt „altdeutsche Tracht“. Die Ordnungsmächte sehen das mit Mißtrauen, denn der Traum der deutschen Einheit gefährdet den wiedererwachten Partikularismus der Reaktionszeit nach dem Ende der Freiheitskriege, und daß die Burschenschaftler nicht nur von Einheit, sondern auch von Freiheit reden, ruft die Polizei auf den Plan: die „Jakobiner im Bärenfell“ gelten als staatsgefährliche Demagogen und wandern scharenweise in die Gefängnisse. Aber dennoch bleibt des Deutschen Vaterland einstweilen ein blasses Gebilde, bloß poetisch, historisch und utopisch, ein Ideal, das in seiner irdischen Inkarnation entweder Preußen oder Österreich heißt.

V Eine Generation später zeigt sich, daß die Furcht der Fürsten und Minister vor den deutschtümelnden Romantikern in den Universitätshörsälen wohlbegründet war. Die Revolution von 1848/49 meint Freiheit und Einheit; Freiheit hauptsächlich im Sinne liberaler Verfassungsvorstellungen, meist noch in monarchischem Rahmen. Aber was heißt Einheit? Die Professorenversammlung, die im Namen des deutschen Volks in der Frankfurter Paulskirche eine gesamtdeutsche Verfassung erdenkt, ist tief zerstritten. „Das ganze Deutschland soll es sein“, unter dieser Devise beginnt die Debatte, und wie jede Professorendebatte verläuft sie im Uferlosen. Heinrich v. Gagern, Ministerpräsident der provisorischen „Reichsregierung“, beantragt, „Österreich als in den zu errichtenden deutschen Bundesstaat nicht eintretend zu betrachten“ – die kleindeutsche Lösung unter preußischer Vorherrschaft, wie sie in Gestalt des Deutschen Zollvereins bereits besteht. Da sind sie, die festen Grenzen, die klaren Umrisse, die vernünftigen Lösungen, aber für sie spricht nur der Verstand, nicht das Herz. Deutschland ein Großpreußen? Der Widerspruch ist erregt, kommt aus allen „Factionen“ der Versammlung. Die Revolution von 1848 bricht an ihren eigenen Widersprüchen zusammen, die Gegensätze werden erst achtzehn Jahre später auf dem Schlachtfeld von Königgrätz ausgefochten und entschieden. Seit 1866 gibt es nur noch die eine Perspektive: Deutschland in den Grenzen des Zollvereins unter preußischer Führung, ohne Österreich. Das Deutsche Reich, das 1871 im Spiegelsaal von Versailles proklamiert wird, ist ein kleindeutsches Reich: ein Drittel aller Deutschen lebt außerhalb der Grenzen des neuen deutschen Nationalstaats.

VI Es ist das große Unglück Deutschlands und Europas, daß das kleindeutsche Reich, das 1871 mit Hilfe der preußischen Waffen ins Leben tritt, den Deutschen nicht genügt. Was nützt es, wenn Bismarck aller Welt versichert, das Deutsche Reich sei saturiert, ein nützliches, bescheidenes Mitglied der Völkerwelt lud als „ehrlicher Makler“ an der Wiederbelebung des europäischen Konzerts interessiert, wenn aus Deutschland auch ganz andere Töne dringen? Das Problem sind nicht die preußischen Junker und die preußischen Militärs, die den Außenstehenden so furchterregend kriegerisch und unzivilisiert vorkommen – diese alte, vorindustrielle Machtelite hat sich schon mit dem Aufgehen Preußens im Reich schwer abfinden können, ihre politischen Ambitionen sind hauptsächlich auf die Erhaltung ihrer Stellung in der industriellen Gesellschaft der Gegenwart gerichtet, von außenpolitischer Aggressivität ist wenig zu spüren.

Das wirkliche Problem Deutschlands ist sein Bürgertum, eigentlicher Träger des deutschen Nationalstaatsgedankens, dessen Bewußtsein sich über Generationen hinweg an den Bildern und Mythen einer romantischen, rückwärtsgewandten Utopie gebildet hat, dem die Wirklichkeit Mitteleuropas nur ein schwacher Abglanz des großen Traums, eine Abschlagszahlung auf das eigentliche Zel, das Reich aller Deutschen ist.

Die preußischen Geschichten und Legenden, die das Bismarck-Reich vorzubereiten halfen, wirken mächtig: Menzels Illustrationen der Kuglerschen Friedrich-Biographie sind in die Herzen der Deutschen, vom Adel bis zur Arbeiterschaft, eingegraben – aber von Potsdam führt der Weg geradewegs zurück in die strahlenden Nebel des Mittelalters. Der erbliche Bundespräsident des neuen Nationalstaats nennt sich Kaiser, der Bund der deutschen Staaten nennt sich Reich, obwohl nicht die geringsten legitimierenden Bezüge Wilhelm I. mit dem letzten Römischen Kaiser, mit Franz II., verbinden, obwohl der großpreußische Nationalstaat der Deutschen mit dem transnationalen, halb metaphysischen Wesen des Heiligen Römischen Reichs nichts zu tun hat. Kaiser Friedrich III., der Hunderttagekaiser von 1888, will Friedrich IV. genannt sein, weil er die Zählung nach den alten deutschen Kaisern verlangt. Das Geschichtsbild des Deutschen Reichs von 1871, das bald zur führenden industriellen Großmacht Europas emporsteigen wird, das an wirtschaftlicher und wissenschaftlichen Modernität kaum seinesgleichen hat, ist eine große Totenbeschwörung.

VII Der Erste Weltkrieg verstärkt das Syndrom. Zur schweifenden Suche nach der Identität der deutschen Nation über ihre Grenzen hinaus gesellt sich nun das Trauma des Versailler Vertrags, der alle Parteien von den Kommunisten bis hinüber zu den extremen Nationalisten umfassende Wunsch nach der Revision der neuen Grenzen, die die Sieger von Jena und Auerstedt ist der Weltgeist nicht mehr auf Seiten der Deutschen, der „siegesdeutsche Anstrich“ der Historie, den der Basler Historiker Burckhardt seinen deutschen Kollegen nach 1871 vorgeworfen hat, wird seinerseits historisch: Das 19. Jahrhundert gerät ins Blickfeld der Geschlagenen, der lange Weg von der napoleonischen Unterdrückung bis zur Errichtung des Nationalstaats soll sich wiederholen. „Wir fangen noch einmal wie nach 1648 und 1807 von vorn an“, schreibt der sonst so skeptische, Gefühlsaufwallungen abholde Max Weber an einen Freund. „Wir haben der Welt vor 110 Jahren gezeigt, daß wir – nur wir – unter Fremdherrschaft eines der ganz großen Kulturvölker zu sein vermochten. Das machen wir jetzt noch einmal! Dann schenkt uns die Geschichte, die uns – nur uns – schon eine zweite Jugend gab, auch die dritte.“

Der Weg vom Zweiten zum Dritten Reich ist mit historischen Reminiszenzen gepflastert wie einst der vom Ersten zum Zweiten. Die entwurzelten, enttäuschten Soldaten, die sich nach 1918 in den Freikorps sammeln, beschwören die heroische Zeit von 1813 und 1814; ihre Verbände heißen Schwarze Jäger, Deutsche Legion, Freikorps Yorck von Wartenburg, Freikorps Lützow. General von Seeckt wird mit Scharnhorst verglichen, Stresemann liest mit höchst gegenwartsnahem politischen Interesse Srbiks Metternich-Biographie. Und die großdeutsche Idee, im kleindeutschen Reich absolet geworden, erscheint in der allgemeinen Rückerinnerung an das vergangene Jahrhundert erneut, ein zweites Mal historisch gespiegelt: die Vereinigung Deutschlands mit Österreich wird zur Verfassungsforderung der Weimarer Republik.

Es ist einer der genialsten Einfälle Hitlers, als erster und letzter deutscher Staatsmann germanische Urzeit und Mittelalter, Preußen und Habsburg, alle die disparaten, auseinanderstrebenden, widerspruchsvollen Mythen des deutschen Nationalbewußtseins in der Wirklichkeit zusammenzuzwingen. Im Dritten Reich werden die deutschen Wunschträume für kurze Zeit alptraumhafte Wirklichkeit. Die Existenz Deutschlands in Europa war nur solange möglich, wie die Deutschen das „Kalkül von Zahl und Wahrscheinlichkeit“ (Clausewitz) im Auge behielten und sich mit bescheidenen Lösungen zufriedengaben. Aber schon Goethe hatte mit Schaudern das Maßlose der deutschen Nationalbewegung als das „Dämonische“ in „Dichtung und Wahrheit“ beschrieben: „Alles, was uns begrenzt, scheint für dasselbe durchdringbar; es scheint mit den notwendigen Elementen unseres Daseins willkürlich zu schalten; es zieht die Zeit zusammen und dehnt den Raum aus. Nur im Unmöglichen scheint es sich zu gefallen und das Mögliche mit Verachtung von sich zu stoßen.“ Die Vergeblichkeit der deutschen Geschichte ist bereits Teil ihrer Hoffnungen.

VIII Deshalb zerplatzt auch das deutsche Nationalbewußtsein 1945, im Jahr der „deutschen Katastrophe“ (Fr. Meinecke), mit seinem historisch befestigten Geschichtsbewußtsein wie eine Seifenblase. Vom Alles oder Nichts ist das Nichts geblieben. Gewiß, die Deutschen widerstehen immer noch nicht der Versuchung, ihren gegenwärtigen Zustand als das Außergewöhnliche anzusehen, dem sie eh und je nachjagten. Könnte Deutschland nicht eine ungewöhnliche und beispielhafte Tat für die Menschheit vollbringen, indem es darauf verzichtet, ein Nationalstaat wie die anderen Völker der Welt zu sein? Ein ganzes Volk beschließt das Ende seiner Geschichte und tritt die Flucht nach Europa an. Das ist, zumal in den Wirtschaftswunderjahren der Adenauer-Ära, ein durchaus komfortabler Zustand, jedenfalls für die Deutschen der Westzonen. „So bieten wir in der Bundesrepublik das Bild eines Volksteils, der nur an seine Motorräder, Rundfunkgeräte, Ferienreisen und Eigenheime denkt“, resümiert 1960 Friedrich Sieburg. „Fast alle öffentlichen Vorgänge der letzten Jahre bieten auf den ersten Blick den Beweis dafür, daß wir die Problematik der Welt, an der wir auf so exponiertem Posten teilnehmen, von uns schieben, ja, daß wir vor den wahren Gefahren die Augen schließen und in allen unseren politischen Entscheidungen nur den einen Wunsch ausdrücken, keine Entscheidungen treffen zu müssen und in Ruhe gelassen zu werden.“ Von einem „Geschichtsbild“ kann, wie die Historiker gramvoll konstatieren, nicht die Rede sein; bis etwa 1949 kümmert der Geschichtsunterricht an den deutschen Schulen dahin, weil erst neue Lehrbücher geschrieben und die Lehrer entnazifiziert werden müssen, und danach bleibt der Geschichtsunterricht an den Schulen das Sorgenkind der Kulturpolitiker: Kaum ein deutscher Abiturient, der die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kennt. In den siebziger Jahren erreicht die Geschichtslosigkeit der Bundesdeutschen ihren Höhepunkt: Wo Geschichte nicht an den Schulen völlig zugunsten einer „politischen Gegenwartskunde“ aufgegeben wird, dort wird sie in den Lehrplänen zur zusammenhanglosen Fallsammlung für gesellschaftstechnologische Gegenwartszwecke zusammengestrichen.

IX Aber das geht nicht lange gut; eine Nation kann sich nur solange mit einer Gesellschaft zur Erzielung eines höchstmöglichen Bruttosozialprodukts verwechseln, wie sie im politischen Windschatten schlummert, gepolstert durch dicke wirtschaftliche Zuwachsraten. Das Erwachen erleben wir derzeit. Die problemlose Einbettung Westdeutschlands in ein stabiles Wirtschafts- und Bündnissystem geht ebenso zu Ende wie die Zeit der langen Nachkriegskonjunktur. Wirtschaftsflaute und neue Konstellationen der Weltpolitik scheuchen die Deutschen auf, Unruhe, Angst, Identitätszweifel und Orientierungsverlust erschüttern die Gesellschaft. Neben anderem rächt sich hier der jahrzehntelange Verzicht der Deutschen auf ihre Geschichte. Für einzelne Menschen wie für Völker gibt es keine Zukunft ohne Geschichte, und was nicht erinnernd aufgearbeitet wird, das macht sich als Neurose oder Hysterie bemerkbar.

Daß sich die Frage nach der deutschen Identität neuerdings wieder allenthalben stellt, hat also seine guten Gründe; doch damit wachsen auch wieder altbekannte Gefahren. Die deutsche Mittellage, von der sich das Elend unserer Geschichte in der Hauptsache ableitet, ist durch die Teilung Deutschlands und Europas vorerst beendet; Westwie Ostdeutsche leben nunmehr am Rande großer Machtsysteme, ihre Daseinsbedingungen haben sich radikal geändert. Aber in den Köpfen vieler Deutscher hat sich die alte Mittellage verselbständigt, und damit das alte deutsche „Sonderbewußtsein“ (E. Nolte), der Glaube, in Europa und in der Welt eine besondere Sendung zu besitzen. Die „incertitudes allemandes“, die deutschen Unberechenbarkeiten, beginnen wieder die Welt und uns zu beunruhigen. Es ist deshalb an der Zeit, den alten und neuen Mythen entgegenzuwirken. Geschichte ist, mit den Worten des niederländischen Historikers Johan Huizinga, die Form, in der ein Volk über sich selbst Rechenschaft ablegt. Jetzt, da Deutschland von seiner Geschichte eingeholt wird, ist die Tragödie der Deutschen und ihrer Nation neu zu schreiben – nicht, um ihnen ein einheitliches, widerspruchsfreies Geschichtsbild zu vermitteln, auch nicht, um ihnen, in den Schuhen der historiographischen Kathederpropheten von einst stehend, den Sinn ihrer Geschichte, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft zu enthüllen. So hoher Amter, mit Ranke zu reden, unterwindet sich der skeptische Historiker unserer Tage nicht: ihm geht es im Sinne Huizingas lediglich um nüchterne Rechenschaftslegung, damit die Deutschen wissen, was sie waren und was sie sein können.