Von Michael Jungblut

Seit acht Jahren leidet die Bundesrepublik unter einer neuen Massenarbeitslosigkeit. In diesem Jahr könnte erstmals die Schreckenszahl von zwei Millionen überschritten werden.

Seit acht Jahren gehen Jahr für Jahr Tausende von Unternehmen pleite. 1982 wird die Zahl der Konkurse einen neuen Rekord erreichen.

Seit Mitte der siebziger Jahre ist die Investitionstätigkeit zu schwach, um genügend neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die deutsche Industrie droht in weiten Bereichen zu vergreisen. Ihre Spitzenstellung in der Welt ist bedroht, in manchen Zweigen längst verloren.

Seit fünf Jahren ist Otto Graf Lambsdorff in Bonn Wirtschaftsminister. Doch erst jetzt, kurz vor dem Ende der Regierung, der er angehört, hat er dem Kanzler und der Öffentlichkeit endlich ein „Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ vorgelegt.

Aber immerhin – Lambsdorff ist der erste deutsche Politiker von Rang, der den Mut und die Fähigkeit bewiesen hat, überhaupt ein umfassendes, in sich geschlossenes Konzept zur Überwindung der Krise vorzulegen; Seit dem ersten Ölpreisschock und seit Beginn des wirtschaftlichen Niedergangs Mitte der siebziger Jahre hat die Öffentlichkeit vergeblich darauf gewartet. Hinter allen bisherigen Versuchen der Regierung, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, die Staatsfinanzen zu sanieren und die Dynamik der Sozialausgaben zu bremsen, war ein solches Konzept nicht zu erkennen.

Die öffentliche Reaktion auf Lambsdorffs Strategie-Papier macht allerdings auch deutlich, warum sich alle anderen Politiker bisher gehütet haben, ein solches Konzept vorzulegen. Denn kaum waren seine Vorschläge bekannt geworden, ergoß sich eine solche Flut von Kritik, Anschuldigungen und unflätigen Beschimpfungen über den Wirtschaftsminister, wie es dies nie zuvor einem Mitglied der Bundesregierung widerfahren ist.