Weil er gegen Arbeitslosigkeit protestieren wollte, verließ ein Sportler das Siegerpodest

Schröckliches ist geschehen im deutschen Motorsport. Sitten drohen dort einzureißen, die man bislang gottlob nur aus olympischen Gefilden kannte; Seltener Schweiß tritt ihm auf die Stirn, wenn der deutsche Sportfunktionär daran denkt, auch in deutschen Landen könne passieren, was die Olympiade 1968 in Mexico erschütterte: Schwarze Gewinner aus den USA ballten während der Siegerehrung, zu den Klängen der amerikanischen Nationalhymne, die Fäuste zum Black-Panther-Gruß – damit wollten sie gegen die Rassendiskriminierung daheim protestieren.

Nun scheint er auch bei uns aufgetaucht, der Bazillus des Sportlers mit dem politischen Kopf, urplötzlich. Und das in einem Sport, der, abgesehen von den eingefleischten Fans, von der Öffentlichkeit links liegen gelassen wird: im Motorrad-Sport. Beim Internationalen ADAC-Eifel-Pokalrennen, das Ende August im Rahmen der Deutschen Motorrad-Meisterschaft stattfand, erschien einer der Favoriten beim Rennleiter. Noch bevor das Rennen auf dem Nürburgring begann, bat der 33jährige Hagen Klein förmlich darum, daß, sollte er den Lauf der Klasse A gewinnen, bei der Siegerehrung nicht die deutsche Nationalhymne gespielt würde. Eine Begründung gab er für seine Bitte nicht.

Auf solche Sonderwünsche aber hat man beim zuständigen Verband, der "Obersten Motorradsport-Kommission" (OMK) gerade noch gewartet. Die Funktionäre dachten gar nicht daran, nach erfolgreichem Lauf Hagen Klein ohne die Haydnschen Töne zum Sieger zu kränzen. Schließlich, so der OMK-Generalsekretär Haupt, "startet der ja nicht für sich selbst, sondern für sein Land".

Und dann kam es so: Zur Siegerehrung erklang das Deutschland-Lied. Hagen Klein ließ sich gerade noch den lorbeernen Ehrenkranz geben, dann stürmte er vom Podest, hängte die Lorbeeren seinem Mechaniker um, "weil das ja der einzige ist, dem ich meinen Sieg zu verdanken habe", und stapfte Richtung Fahrerboxen davon. Das Ganze, so erklärte er später, sei ein demonstrativer Akt gewesen: Protest gegen die Arbeitslosigkeit. Vor ein paar Monaten erst gingen in Kleins schwäbischer Heimatstadt Kornwestheim die Kreidler-Werke in Konkurs, einer der letzten deutschen Moped-Hersteller.

1500 Arbeiter mit Familie saßen so plötzlich auf der Straße – und das, sagt Hagen Klein, "stört hier doch keinen mehr. Hier muß es doch erst mal fünf Millionen Arbeitslose geben, bis wir alle aufmachen". Hagen Klein ist beileibe kein Linker. Er hat "immer CDU und CSU gewählt, und das will ich auch weiterhin tun". Aber was er nach seiner kleinen Protestaktion erlebt hat, das könnte ihn fast zum Radikalen machen.

Erst hat sich der Kassierer am Rennfeld geweigert, ihm das Siegergeld von 500 Mark auszuzahlen. Dann hat ihm der OMK noch auf dem Rennfeld vorläufig die Lizenz entzogen, und vorige Woche schließlich die endgültige Strafe für sein despektierliches Verhalten ausgesprochen: Ein halbes Jahr darf Hagen Klein nicht an den Start gehen und kann damit alle Träume, sich irgendwo für einen deutschen oder gar internationalen Titel zu plazieren, aufgeben. Er habe "die Interessen des Motorsports geschädigt", meint das OMK-Sportgericht. Die Kosten des Verfahrens muß er auch noch tragen: Reisekosten und Spesen von drei Sportrichtern und gleich vier Zeugen, die in Frankfurt sein schimpfliches Tun noch einmal zu Protokoll gaben.