Von Dietrich Schwarzkopf

Als Ketzer wurden einst diejenigen verfolgt, die von der für die Rechtgläubigen festgesetzten, als allgemein anerkannt geltenden Kirchenlehre abwichen – „Abweichler“ also, aber nicht Ungläubige, und von diesen sorgfältig unterschieden. Günther Anders, vor kurzen. 80 Jahre alt geworden und von ungebrochenem Kampfgeist, ist stolz darauf, ein Ungläubiger, Nichtgläubiger zu sein, der nicht nur die Existenz Gottes bezweifelt, sondern auch „nicht mehr ans Glauben glaubt“. Einer, der so konsequent ist, dürfte in den Kategorien „Ketzerei“ und „Orthodoxie“ gar nicht denken, vor allem sich nicht selbst als Ketzer bezeichnen; denn der Ketzer glaubt doch.

Trotzdem knüpft seine Sammlung von Dialogen, Glossen und Tagebuch-Eintragungen, die ein Neben- und Folgeprodukt des zweiten Bandes seines Hauptwerks, der „Antiquiertheit des Menschen“ ist, an diesen Begriff an:

Günther Anders: „Ketzereien“; Verlag C. H. Beck, München 1982,348 S., DM 39,80.

Mit dem Titel möchte sich Anders als „Vertreter von Kampfthesen“ ausweisen, „der es mindestens verdienen würde, attackiert zu werden.“ Seine früheren Schriften habe man, statt sie zu verfolgen, preisgekrönt und damit entkräftet. Provozieren ist eben heute nicht mehr so leicht. Die Abwehrmechanismen sind zu gut entwickelt: Der Provokateur wird im Honig der Anerkennung ertränkt, oder man kehrt ihm die Hornhautseite zu, die sich im langen Umgang mit Provokationen herausgebildet hat. Die Partner aus den Dialogen, die Anders aufgeschrieben hat, lassen sich noch provozieren. Wenn er, von „ketzerischem“ Ansatzpunkt her, scharf und konsequent, ja eigentlich gnadenlos argumentiert, erbleichen sie, schäumen vor Wut oder sind beleidigt; einige übergeben sich. Da kann man sich vorstellen, daß der Autor nun nach richtigen Gegnern lechzt.

Indem sich Anders selber als „Ketzer“ präsentiert, will er die Rechtgläubigen ins Unrecht setzen: Er funktioniert sie in Ketzer um. „Denn Orthodoxie ist stets Ketzerei gegen die Wahrhaftigkeit; und um so ketzerischer, für je wahrer sie ihr Glaubenssystem hält“. Zumindest an der denunziatorischen Funktion der alten Kategorien hält Anders offenbar ganz gern fest: „Wenn ich Intoleranz bewiesen oder verlangt habe, so zumeist Intoleranz gegen Intoleranz“. Hier wird Anders Beifall von einer Seite erhalten, die ihm gar nicht gefällt. An anderer Stelle fragt er sich, etwas nachdenklicher: „Müßte ich nicht gerade auf Grund meines Unglaubens toleranter und nachsichtiger gegen die Menschen sein? Ist es nicht unangemessen und selbstgerecht, vom Menschen Moral zu verfangen? Gar – unmoralisch?“.

Im Nachwort schreibt Anders, er habe sich „endlich einmal Ferien vom Moralismus“ gegönnt. Aber das kann er gar nicht. Ihn läßt „die größte Aufgabe, die es seit 1945 gibt“, nicht los, nämlich dazu beizutragen, daß „die Welt – Kapitalismus hin, Kapitalismus her – überhaupt bestehen bleibe“.