Die DDR-Führung hielt sich mit Kommentaren zu den Bonner Ereignissen zurück. Marlies Menge hörte sich in Ost-Berlin um, was die Bürger dazu meinen.

Vom Ausgang der Wahl in Hessen wäre sie überhaupt nicht überrascht, sagte eine Bekannte. "Als der Schmidt vor dem Bundestag seine Erklärung verlas, da hab’ ich geheult. Die Leute von der sozial-liberalen Koalition, die haben doch die Entspannungspolitik gemacht. Wenn wir hier wählen dürften, Schmidt oder Kohl, dann würde Schmidt bestimmt die absolute Mehrheit kriegen. Der Kohl heißt in der DDR nur der Reagen der Bundesrepublik."

Ihr Mann fand, daß seine Frau zu emotional reagiere. "Wenn man es vernünftig betrachtet, es kann sich nicht so viel in der Ostpolitik ändern. Verträge sind Verträge.

Aber es ist eben etwas anderes, ob man es mit denen zu tun hat, mit denen man diese Verträge ausgehandelt hat oder mit deren Gegnern. Wenn die kalten Krieger in einer konservativen Regierung wieder die Oberhand gewinnen, dann haben es auch bei uns die kalten Krieger wieder leichter."

"Aber was wird denn nun bloß?" fragtebesorgt ein Student aus Greifswald. "Könnte nicht die FDP den Genscher und Lambsdorff der CDU schenken und dann weiter mit der SPD zusammenarbeiten? Auf der anderen Seite, eine CDU/CSU-Regierung ohne FDP ist auch eine grausliche Vorstellung. Vor Strauß haben wir nun mal sehr viel mehr Angst als vor Genscher, wenn der sich auch ziemlich mies benommen hat. Immerhin hat die FDP die Ostpolitik miterfunden. Bei CDU/CSU kriegt ihr die amerikanischen Raketen ganz bestimmt."

Manche überlegen sich, ob nicht auch die DDR ihr gerüttelt Maß Schuld am Zerbrechen der Koalition habe. "Das mit der Erhöhung des Mindestumtauschs hat es dem Schmidt zu Hause sicher nicht leichter gemacht", sagte ein Ost-Berliner Arbeiter. "Am Werbellin-See hätte einfach ein bißchen mehr herauskommen können." Eine junge Frau, Parteimitglied, wischte solche Argumente vom Tisch. "Das ist doch Unsinn. Unsere Leute sehen die sozial-liberale Koalition immer nur unter dem Aspekt der Entspannungspolitik, und wir werden uns natürlich bemühen, sie fortzusetzen, auch mit einer anderen Regierung."

Die Medien der DDR reagierten nur zögernd auf den Koalitionsbruch in Bonn. Sie zitierten zunächst lediglich Stimmen aus dem Ostblock. Erst knapp eine Woche später wurde die eigene Beurteilung geliefert: ein positiver Rückblick auf die Zeit der sozial-liberalen Koalition, Besorgnis für die Zukunft.