Von Hermann Rudolph

Zur Wahl steht Helmut Kohl und mit ihm die neue Koalition von Union und FDP. Aber was steht damit eigentlich zur Entscheidung? Nur die Frage, ob die Union nach dreizehn Oppositionsjahren im Bund zurück an die Macht gelangt? Die Bewährungsprobe des noch nie erfolgreich praktizierten Instituts des konstruktiven Mißtrauensvotums? Oder einfach das Urteil darüber, ob der FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher mit seinem halsbrecherischen Manöver Erfolg hat, die politische Bühne ohne Umbaupause volle 180 Grad um die kleine angeschlagene FDP, ja, mehr noch: um sich selbst als Achse zu wenden? Das alles gewiß auch. Doch entschieden wird auch darüber, ob eine Koalition überhaupt zustande kommt, die sich seit Jahr und Tag als eine Möglichkeit für die deutsche Politik abzeichnete, ohne ihrer Verwirklichung näher zu kommen.

Diese Koalition von Kohl und Genscher, Union und FDP ist trotz der Züge eines politischen Mantel-und-Degen-Stücks, die ihre Etablierung begleiten, keineswegs nur das Ergebnis eines Komplotts oder heimtückischen Verrats. Ihre Entstehung begann auch nicht erst gestern oder vorgestern, mit Lambsdorffs Scheidungspapier oder dem Wende-Brief, mit dem Hans-Dietrich Genscher vor gut einem Jahr den Nervenkrieg um die Koalition einleitete. Die christ-liberale Koalition gibt es seit mindestens einem Jahrzehnt – als strategische Möglichkeit, als Hoffnung, auch als Abschreckung.

So lange jedenfalls irrlichtert die Eventualität einer Verbindung von Union und FDP durch die politische Landschaft der Bundesrepublik. Zeitweise erschien sie nur als Fata Morgana für eine deprimierte CDU; gelegentlich wurde sie von der FDP als taktisches Instrument benutzt, um die SPD unter Druck zu setzen; und oft genug, zumal dann, wenn in Wahlkampfzeiten Koalition und Opposition aufeinander einschlugen, schien sie als politische Möglichkeit endgültig verschieden zu sein. Aber immer tauchte sie hinter irgendeiner Biegung des Wegs wieder auf.

Die Koalition, die Kohl und Genscher aus dem Strudel der Auseinandersetzungen dieser Tage an Land zu bringen suchten, ist auch nicht nur das Instrument der Verdrängung der SPD aus der Regierung. Sie ist, gewiß, die konservativ-liberale Alternative zur sozial-liberalen Koalition. Aber sie ist auch eine Alternative zu jener anderen Möglichkeit, die die sozial-liberale Ära ebenfalls fast seit Anfang an begleitet: ihre Beendigung durch eine in bedingungsloser Konfrontation und Polarisierung zur absoluten Mehrheit getriebenen Union – durch die große Abrechnung.

Die Wende, die Kohl und Genscher anstreben, ist eine Wende weg von der sozial-liberalen Koalition, aber sie ist nicht identisch mit jener totalen Umkehr, fort von allem, was seit dem Ende der sechziger Jahre in der Bundesrepublik geworden und gewachsen ist, die die harten Männer in der Union immer vertreten haben. Franz Josef Strauß an ihrer Spitze. Unter den Möglichkeiten, die den politischen Weg der Bundesrepublik seit einem Jahrzehnt umwittern, markiert diese Koalition jedenfalls keine Extremlösung.

Ihre Spuren reichen weit zurück, und sie sind in dem zerklüfteten, verkarsteten Gelände, das die Bundesrepublik politisch darstellt, nicht leicht aufzufinden. Über weite Strecken haben sie sich nur in Spekulationen und Unterstellungen gezeigt, geknüpft an Verlautbarungen, die man schon sehr absichtsvoll auslegen mußte. Und natürlich auch, nicht zuletzt in dem vom Bonner Klatsch aufbereiteten Privaten: Kohl bei Genscher, Genscher bei Kohl, Treffen da, Gespräch dort, das Duz-Verhältnis zwischen beiden und jene Telephongespräche, die von Gerüchten umwittert sind.