Hörenswert

"Complicated Lady". Trauer, Wolken, Tränen, Traum kommen oft in diesen Gedichten vor, geschrieben meist von Wolf Wondratschek, auch von Ulf Miehe und, eins, von Eberhard Schoener, dem Komponisten, der sie allesamt in Musik gebracht hat: in eine auffallend ehrgeizige, um neue Klangfarben und -effekte bemühte Musik, die sich sehr dicht um die Texte legt und aus ihnen weder Schlager noch Chansons macht, sondern (Kunst-)-Lieder, nur daß sie aus demjenigen Stoff gemacht sind, welcher der zeitgenössischen E-Musik fremd ist: aus schönen Harmonien, in denen die Gefühle ein molliges Zuhause finden, manchmal auch aus nervös pochenden, gurgelnden, peitschenden Kunstklingen. Es sind durch die Bank schöne Lieder, ob auf englisch gedichtet (vier) oder auf deutsch (fünf), oft innig, meist versonnen, niemals ironisch, bisweilen spürt man einen Anflug von Utopie-Sarkasmus. Einige sind mit ausführlichen Zwischenspielen versehen, Räkelbetten gleich für die Kontemplation. Aber eigentlich möchte man die Gedichte auch lesen (auf der Innentasche sind sie abgedruckt), um all der Reimarten gewahr zu werden und dem artifiziellen Spiel mit Gedanken – obwohl die Sängerin Esther Ofarim, der hier nach zehn Jahren in einem imponierenden Comeback geglückt ist, ihnen mit den sehr persönlichen Farben ihres schwingenden, intensiven, sanften Gesanges Ausdruck zu geben. Sie ist sich treu geblieben, aber sie wirkt reifer, sicherer, souveräner. Man hört ihr gern zu. (Phonogram 6435 173)

Manfred Sack

Hervorragend

"Gregorianischer Choral – Die großen Feste des Kirchenjahres". Wer sie selber singt oder gesungen hat, wird sich wundern. In der Antiphon zum Introitus der 1. Weihnachtsmesse, einem "Hit" gewissermaßen, ist plötzlich der Aufschwung des "Epiphonus" vom C zum E auf "Ad" (Me) nicht mehr vorhanden. Der "Climacus" im Graduale auf "Virtutis" hat keine Halbton-Erniedrigungen mehr, und der Jubilus im Alleluja steigt am Ende statt zum C nur noch zum H auf. Kleinigkeiten? Widerstand gegen Altvertrautes? Anpassung an einen nicht von Rom sanktionierten Dialekt? Wie in allen Philologien hat auch in der Musikforschung die Textkritik seit längerem den ziemlich kryptischen Gregorianischen Choral erfaßt und – Roma locuta causa non finita eine Version erarbeitet, die nicht unbedingt in jeden punctum der Editio vaticana folgt. Die nicht mit der Präzision eines Bayreuther Festspielchores, wohl aber durch die Fähigkeit, eine Linie zu strukturieren und ihr einen inneren Anstieg und ein Gefälle zu geben, überzeugenden Mönche der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach singen die Proprien der Feste Weihnachten (drei Messen), Epiphanie, Karfreitag, Ostersonntag, Himmelfahrt und Pfingsten sowie – und das ist nun schon wieder kurios – Kirchweih und Mariä Himmelfahrt, die nun alles andere als historisch sind, auch wenn die Texte (und Melodien) kompiliert, von anderen Anlässen übertragen wurden. Das eigentlich Lehrreiche aber, und die Singularität dieser durch ihre Geschlossenheit bereits wertvollen Kassette: das Begleitheft liefert über den jeweiligen "revidierten" Neumen-Noten die alten Häkchen, Bögen, Punkte und Strichlein, mit denen das ursprünglich mündliche Überlieferte den Sängern ins Gedächtnis zurückgerufen wurde oder einem Gesangsnovizen beigebracht wurde. Ob mit oder ohne Epiphonus, Climacus-Halbton oder tonalem Jubilus-Schluß: Besser kann einem auch nur anfänglich an den Quellen unseres abendländischen Musikbetriebs Interessierten der Anfang kaum vorgeführt und in Kürze erläutert werden. (DG 2723 084)

Heinz Josef Herbort