Präsident Barre hat trotz Kritik das Heft noch fest in der Hand

Von Thomas Labahn

Mogadischu, im September

Die beiden dunklen Türme der von den italienischen Kolonialherren hinterlassenen Kathedrale beherrschen das Bild des nachts lichen Mogadischu. Die Teestuben sind verwaist, die Straßen wie leergefegt. Auf die Männer, die zu später Stunde das Kino verlassen, wartet eine unliebsame Überraschung. Sie werden von einer Gruppe Soldaten in Empfang genommen, die sich nun junge Männer aus der Menge herausgreifen. Die Opfer protestieren und verweisen auf ihre Ausweise und andere Behördenpapiere, doch Widerstand ist zwecklos, eine Klärung "erst später" möglich. Binnen kurzem ist die Ladefläche des bereitstehenden Lastwagens gefüllt; der Wagen verschwindet rasch in der Dunkelheit,

In Somalia herrscht Kriegszustand, und Einberufungsbescheide können nicht durch den Briefträger zugestellt werden – es gibt ihn nicht. Zwangsrekrutierungen sind daher alltäglich. Denn Somalias junge Männer eilen nicht eben begeistert zu den Fahnen – auch nicht gegen den Erzfeind Äthiopien, der seit Anfang Juli entlang eines 500 Kilometer langen Grenzabschnittes in Zentralsomalia angreift. Und so bleibt der Regierung keine andere Möglichkeit, als auf unpopuläre Aushebungsmethoden zurückzugreifen: Die im Westen genannte Zahl von 60 000 unter Waffen stehenden Personen weist Verteidigungsminister Samatar in einem Gespräch allerdings als "entschieden zu hoch" zurück.

Noch im Juni hatte es so ausgesehen, als ob direkte Verhandlungen zwischen Addis Abeba und Mogadischu den alten Konflikt in diesem Teil Afrikas entschärfen und eine Klärung der Ogaden-Frage herbeiführen könnten. Seit Gewinnung der Unabhängigkeit 1960 erhob Somalia Ansprüche auf dieses Stück Halbwüste, in dem eine mehrheitlich somalische Bevölkerung lebt und das nur durch willkürliche koloniale Grenzziehung den Äthiopiern zugeschlagen wurde. Fortwährend gab es Auseinandersetzungen um diese Region, und das erklärte Ziel Somalias, den Ogaden – notfalls mit Waffengewalt – in das eigene Staatsgebiet einzugliedern, führte 1977 zu einer offenen Unterstützung der im Ogaden operierenden "Westsomalischen Befreiungsfront". Nach ersten somalischen Erfolgen erschienen auf äthiopischer Seite kubanische Truppen und sowjetische Berater; im Frühjahr 1978 war die schwere Niederlage somalischer Verbände besiegelt.