Eine englische Biographie Bismarcks: Ein Revolutionär ohne Truppe

Von Harry Prosa

Zum Abgang des Reichskanzlers Bismarck dichtete Ernst von Wildenbruch 1890: "Was wir durch dich geworden, Wir wissen’s und die Welt – Was ohne dich wir bleiben, Gott sei’s anheimgestellt." Theodor Fontane wollte ihn im Walde begraben wissen: "Widukind lädt ihn zu sich ein: ‚Ein Sachse war er, drum ist er mein, im Sachsenwald soll er begraben sein.‘ Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt, Aber der Sachsenwald, der hält; Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren, Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen. Und Staunen der Schönheit und jauchzen froh, So gebietet einer: ‚Lärmet nicht so! – Hier unten liegt Bismarck irgendwo.‘"

Fontane wußte noch nichts von Autobahnen; aber Carl Benz hatte seine Benzinkutsche schon gebaut. Die Verse sind auch deshalb interessant, weil die beiden Poeten die Ingredienzen der Bismarckverehrung bis zum heutigen Tage verwenden, die des Reichsgründers und des aus dem Walde kommenden und in den Wald immer wieder zurückkehrenden Naturmenschen. Beides sind alte Stereotypen. Wenn Fontane Bismarck im Walde begraben wissen will, folgt er dem seit der Antike gültigen Klischee, daß die Leute aus den Wäldern das Neue bringen, das die alten städtischen Kulturen bedroht.

Sicherlich hat Bismarck die Wälder geliebt, und es ist wahr, daß er sich dorthin zurückzog, flüchtete; aber es ist auch wahr, daß er eben nicht dort blieb und ein adliges Landleben führte, sondern sich in den Städten und an den Höfen produzierte bis zu häufigen nervösen Zusammenbrüchen. Daß er nicht blieb, mag der mütterlichen Erbschaft zuzuschreiben sein. Die Menckens waren bürgerlich, sächsisch, gelehrt, und

Edward Crankshaw: "Bismarck"; Macmillan, London, 451 S., US-Dollar 19,95

findet, daß ihr mütterlicher Ehrgeiz, den Knaben seinen Wäldern zu entziehen und ihn auf das Gymnasium nach Berlin zu schicken, die Widersprüche seines Charakters hervortreten ließ.