West-Berlin

Die Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche droht endgültig zu zerfallen, wenn nicht bald mit der Restauration begonnen wird. Steinschlag vom Turm gefährdet außerdem Passanten und Autofahrer.

Das Bauamt schätzt die Rettungskosten auf 3,95 Millionen Mark. Die muß die evangelische Kirchengemeinde berappen, sie hat aber bloß 300 000 Mark. Drei Millionen möchte man dem Lotto entlocken – der Rest von 650 000 Mark muß durch Spenden eingenommen werden. Die Berliner freilich haben sich für ihre "Gedächtniskirche" noch nie lumpen lassen.

Sie liegt inmitten eines Verkehrsknotenpunktes, auf dem Breitscheidplatz, benannt nach dem Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid. Zu Kaisers Zeiten hieß er Auguste-Viktoria-Platz. Damit es wieder ruhiger werde um die Kirche und den modernen, von Egon Eiermann 1961 geschaffenen Bau, wird seit langem schon gebuddelt und gebaggert, um sich der Idylle von 1891 wieder anzunähern. Wann es so weit ist, weiß niemand. Die anrainenden Geschäftsleute klagen heftig, weil die Kunden vorerst durch Schmutz, Baulärm und Straßensperrungen vertrieben sind. "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" haben hier ihre Dependance.

Der Eingangin den Turm führt durch die immer noch prächtige, mosaikgeschmückte Vorhalle à la Ravenna, die Wilhelm I. und den Hohenzollern gewidmet ist. Auf der einen Wand dominieren zwei Engel. Sie halten eine Gedenktafel mit der Inschrift: Wilhelm I., König von Preußen, Deutscher Kaiser. Direkt gegenüber formiert sich der Hohenzollernzug, funkelnd in Gold, strahlend in Königsblau und schwelgend in Hermelin und Ordenstracht. Als Verstorbene dargestellt, ziehen sie ein ins Reich Gottes, angeführt von Königin Luise mit einem Palmenzweig. Die damals noch lebenden Hohenzollern wie Wilhelm II. mit Gemahlin und das Kronprinzenpaar folgen mit Abstand. Offene Tür- und Fensterbögen der Ruine lassen das Wetter herein: Das Fußbodenmosaik steht bei Regen unter Wasser.

Durch eine schwere Eisentür gelangt man ins nackte Ruinengemäuer, in dem nur noch zwei Dinge funktionieren: das Glockenspiel und die Uhr. Schmale Eisenstiegen winden sich, an rohen Stein geklammert, in weiter Spirale nach oben. Die Kletterpartie ähnelt einer Bergbesteigung. Vorbei geht es an einem Loch, groß wie ein Einfamilienhaus – das einstige Rosettenfenster. Mächtige Eisenträger pressen Gestein zusammen wie Fleisch, das unten und oben aus dem Korsett quillt.

Endlich in luftiger Höhe angekommen, fühlt der Wanderer sich geborgen wie ein kleiner Adler im Nest. So riecht es auch. Aber statt der Adler nisten hier die Tauben. Sie haben einen dicken, elastischen Teppich aus Taubenmist ausgebreitet, der Absätze tief einsinken läßt. Das letzte Stück Weg verlockt nicht mehr zum Gipfelsturm – die Zugluft bläst ohnehin um eine weiße Nase.