Von Reimar Lüst

Wissenschah hat sich zu einem bewegenden Element für das Leben der Menschen entwickelt. Sie ist Teil unserer Kultur; vor allem aber wirkt sie als Katalysator und Motor der immer weitergreifenden Technologie und Technik. Das hat dazu geführt, daß Wissenschaft nicht mehr überall so unbefangen akzeptiert und bewundert wird, wie es die Wissenschaftler noch in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewohnt waren. Sie werden zwar gebraucht, aber der Wunsch, sie zu kontrollieren, ist gewachsen.

Die Frage nach dem notwendigen Maß von Selbstverwaltung, das die Wissenschaft auch in heutiger Zeit zu ihrer Entfaltung braucht, wird deshalb zwischen Politikern und Wissenschaftlern wieder lebhaft diskutiert. In dieser Debatte könnte es für beide Seiten lehrreich sein, sich zu erinnern, wie in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Staat und Wissenschaft um Einfluß und Unabhängigkeit gerungen wurde. Die erste umfangreiche Darstellung des Wiederaufbaus der deutschen Forschung in den Jahren von 1945 bis 1965 verdient auch deshalb Aufmerksamkeit:

Thomas Stamm: "Zwischen Staat und Selbstverwaltung. Die Deutsche Forschung im Wiederaufbau 1945-1965", Verlag Wissenschaft und Politik, Köln; 350 S., 38,– DM.

Diese geschichtswissenschaftliche Dissertation beginnt mit einem knappen Abriß der staatlichen und privaten Wissenschaftsförderung vom Absolutismus bis zur Weimarer Republik und der Forschung unter dem Nationalsozialismus. Das ist nicht nur von historischem Interesse. Denn es war nicht so, wie heute vielfach angenommen wird, daß sich der Wiederaufbau der Forschung in völlig neuen gesellschaftlichen und geistigen Konstellationen vollzogen hätte; ein gründlicher Bruch mit der Tradition ist denn auch nicht erfolgt. Vielmehr wird aus dem Kernstück dieses Buches deutlich, daß die Vorstellungen der Mitwirkenden in allen Lagern durchaus herkömmlichen Denkweisen verpflichtet waren. Auch schien die Notwendigkeit des bloßen Überlebens für grundlegende Reformüberlegungen keinen Platz zu lassen.

Als Handelnde bei der Neugestaltung des Tätigkeitsfeldes Forschung traten zunächst die Forscher selbst in Erscheinung. Um weiterarbeiten zu können, waren sie auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen, die den Forschern, vertreten durch den "Staat" und durch die "Privatwirtschaft", gegenübertrat. In den ersten Jahren des Wiederaufbaus manifestierte sich staatliche Macht in den neugebildeten Ländern, in den Zonenverwaltungen und den Militärregierungen. Später trat der Bund hinzu, und es begann das uns heute so vertraute Ringen um Einfluß zwischen Bund und Ländern. Es ist eindrucksvoll, nachzulesen, in welchem Maße sich im Zuge der Neuorganisierung der Staatsgewalt die staatliche Seite zu entschiedenerem Auftreten befähigt fühlte. So entzündeten sich zwischen 1945 und 1965 die Hauptkonflikte an der Frage, wie weit die Forscher selbst über die Verwendung ihrer von der Gesellschaft bereitgestellten Ressourcen entscheiden sollten. "Selbst-, Verwaltungsprinzip" und "Freiheit der Forschung" wurden – als Reaktion auf die Erfahrungen unter der nationalsozialistischen Herrschaft – die beiden Losungen, unter denen die Forscher in dieser Auseinandersetzung antraten. "Einheit von Forschung und Lehre" und "Einheit der Wissenschaft" waren zwei andere Leitsätze, die mit den erstgenannten zusammen als Programm angesehen wurden. Staat und Wirtschaft neigten dazu, sich deklamatorisch zu diesen Prinzipien zu bekennen. Ihr Handeln indessen verriet, daß in Wirklichkeit die Interessen durchaus in andere Richtungen zielten.

Von den zwanzig Jahren des Wiederaufbaus der deutschen Forschung sind sicher die ersten vier Jahre von 1945 bis 1949 die wichtigsten und entscheidendsten. Diese Phase nimmt in dem Buch daher mit Recht den breitesten Raum ein. Das be-– sondere Verdienst des Autors ist es, daß er dabei vielen verschiedenen Quellen nachgegangen ist. Gerade heute ist es faszinierend, daran erinnert zu werden, nach welch kurzer Zeit die Universitäten wieder aufnahmebereit für Studenten waren. Als erste nahm im September 1945 die Göttinger Universität, die nahezu unzerstört geblieben war, den Lehrbetrieb wieder auf. Im selben Monat wurde sie zum Schauplatz der ersten Rektorenkonferenz nach Kriegsende. Die "Westdeutsche Rektorenkonferenz" war der erste überregionale Zusammenschluß der Wissenschaft. Auf dem Hintergrund der Diskussionen über die Reform der Hochschulen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ist es bemerkenswert, daß damals das Autonomiestreben der Hochschulen alles andere überschattete. Sie setzte ihren Widerstand auch solchen Vorschlägen entgegen, die aus Sorge um die erzieherische Funktion der Universitäten entstanden waren, aber als Ansätze zu einer neuerlichen Politisierung der Wissenschaft mißverstanden wurden.