Von Horst Rumpf

Die Daten, die faktisch zur Schließung der Schule für eine Lehrergeneration führen, werden allmählich bekannt. Man kann, so scheint es, gegen sie so wenig machen wie gegen den Winter und die Grippe. Dramatischer Schülerrückgang, unverhältnismäßig viele jüngere Lehrer in Lebenszeitstellungen, gewaltige Zahlen von Lehrerstudenten und Absolventen einer Lehrerausbildung – das zusammengenommen führt zu den Nachrichten, die jedermann schon im Lokalteil seiner Zeitung finden kann. Der Regierungspräsident in Darmstadt konnte im Sommer 1982 von 1694 Bewerbern für Lehrerstellen im Grund-, bekam und Realschulbereich nur neun einstellen. Von 1214 Bewerbern für den Gymnasialbereich bekam jeder zehnte einen Vertrag, und das wurde von Fachleuten als "das letzte große Absahnen" auf Jahre hinaus charakterisiert.

In Hessen bekommt jeder, der sich für eine Lehrerstelle anmeldet, eine Broschüre, die mit überaus differenzierten Zahlenwerken und Kommentaren klarzumachen sucht, daß es bis Ende des Jahrtausends keine nennenswerten Berufschancen auf dem Lehrerarbeitsmarkt mehr geben dürfte. Nur ein Verrückter kann noch auf Lehrer studierten – diese drastische Konsequenz muß sich jedem Leser dieser Kultusminister-Schrift aufdrängen.

Fakten von der Wucht eines Naturereignisses, so präsentieren sie sich uns. Keiner ist verantwortlich, wir alle sind Opfer. Eingeschüchtert gestatten wir uns schon gar nicht mehr, einige der Abstrusitäten ins Bewußtsein dringen zu lassen, die mit diesen Fakten einherkommen. Man kann ja eh nichts machen. Ich notiere einige solcher Abstrusitäten, sehr holzschnittartig:

1. Die Lehrerkollegien, zu denen 10 bis 15 Jahre hindurch kein Nachwuchs mehr stößt, werden unter sich bleiben und im eigenen Saft schmoren. Sie werden noch mehr als bisher zur geschlossenen Gesellschaft. Welche Ruhe ist das, die dadurch in die Schulen einzieht?

2. Gute Lehrer werden auf der Straße stehen, während auch sehr viel weniger gute aus den fetten Jahren in Lebenszeitstellungen die Schulposition halten. Keine Macht der Erde kann an solchen grotesken Fixierungen etwas ändern. Lehr-Beamte auf Lebenszeit.

3. Die theoretische Pädagogik wird, was die Schule angeht, 10 bis 15 Jahre auf dem trockenen sitzen. Die medizinische Forschung hat ihre Uni-Kliniken, ihre Lehrkrankenhäuser; die pädagogische Forschung und Reflexion hatte noch nie ihre Uni-Schulen; auch daher hatte sie immer genug Abgehobenes. Wenn es keine Lehrerstudenten mehr gibt, die tatsächlich in Schulen kommen, verliert sie den letzten nachhaltigen Schuleinfluß. Die freie Reflexion und Forschung über einen großen Kulturbereich, die Schule, ist dann vollends gettoisiert.