Hast du was, bist du was!" Mit diesem Lockruf für Sparer warben einmal Geldinstitute. Sie hätten kaum knapper, nicht klarer ausdrücken können, was offenbar die bürgerlich, kapitalistisch oder westlich genannte Gesellschaft beherrscht, um nicht zu sagen behext: die Meinung, der Wahn, daß nur das "Haben", der Besitz – möglichst in Mark und Pfennig berechenbar – über den Rang des Menschen entscheidet.

So jedenfalls sieht es Erich Fromm. Und nicht bloß er; sein spätes Buch "Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft" ist zum Bestseller geworden. Allein von der deutschen Taschenbuchausgabe wurde in nur anderthalb Jahren fast eine halbe Million Exemplare verkauft. Dieser Erfolg signalisiert "Wertewandel", die Macht einer Botschaft des Alternativen: Aufs Haben kommt es nicht an, sondern aufs Sein. Ohr nehin lassen allüberall die stolzen Mauern unserer Besitz-Gesellschaft schon Risse erkennen; vielleicht werden sie bald einstürzen, wie einst die von Jericho unterm Schall der Posaunen.

Dazu noch bringt Fromm schweres Geschütz in Stellung. Er zitiert die Weisen vieler Kulturen und Zeiten: Lao-tse, Buddha, die Propheten, Jesus, Meister Eckhart – ihn besonders –, Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Schweitzer. Sie alle, heißt es, haben je auf ihre Weise das Urteil bereits gesprochen: Die Besessenheit des Habens ist verworfen und nur das Sein führt hin zum wahren Sein.

Haben macht unglücklich, um so mehr, je einseitiger und verbissener das von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stolz verkündete Grundrecht des "pursuit of happiness" als bloße Jagd nach dem Besitz mißverstanden wird. Denn dieses "Glück" des Habens beruht auf der Exklusivität, auf dem Triumph zu besitzen, was andere nicht haben. Wie schon Thomas Hobbes es im 17. Jahrhundert aussprach, als er Formen des "Habens" – Wissen, Ehre, Ruhm, Macht – musterte: "Wenn alle Menschen sie haben, so hat keiner sie, weil ihr Wesen im Vergleichen und im Vorzug vor anderen liegt."

Seelische Grundlage der modernen Gesellschaft ist daher der Neid. Und unausweichlich regiert im unerbittlichen Konkurrenzkampf die Angst zu verlieren, was man hat. Aggressivität geht um: eine Aggressivität, die die Natur und andere Menschen rücksichtslos ausbeutet, um den eigenen Vorsprung in erhalten. Gewalt also bestimmt das böse Spiel – strukturelle Gewalt, wie "kritische" Friedensforscher sagen –: die Gewalt der Eroberung wie die Gewalt der Verteidigung; strukturelle Gewalt wird zum Fundament, zum Sinn des Staates, der die bestehende "Ordnung" schützt.

Zu den Wurzeln allen Übels gehört natürlich das Privateigentum. Mit Rousseau zu reden: "Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und frech behauptete: "Das ist mein!" – und Leute fand, einfältig genug, ihm zu glauben, wurde zum wahren Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Leiden und Schrecken würde der dem Menschengeschlecht erspart haben, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen hätte: ‚Hört nicht auf den Betrüger. Ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem!‘"

Aber wie nun läßt die Wahrheit des Seins sich finden und bestimmen? Erich Fromm: "Mit ,Sein‘ meine ich eine Existenzweise, in der man nichts hat und nichts zu haben begehrt, sondern voller Freude ist, seine Fähigkeiten produktiv nutzt und eins mit der Welt ist." Das mag man für eine Plattheit halten oder für bombastisch nichtssagend. Doch man sollte bedenken, daß man in der Haben-Gesellschaft von deren Alternative nur negativ sprechen kann. Annäherung ans Positive ist zunächst einmal Befreiung, Abkehr vom Falschen, danach Versammlung in sich, Versenkung, Erleben. Kaum zufällig spielt "Mystik" eine so große Rolle; Sprache kann nur ins Sprachlose verweisen, von Buddha über Meister Eckhart bis zu Heideggers Führerschaft aus der "Seinsvergessenheit".