ARD und ZDF, Sonntag, 26. September: Wahl in Hessen

Das Gebackne vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln: Am Abend der hessischen Landtagswahlen hätte Hans Dietrich Genscher in Shakespeares "Hamlet" nachlesen können, was in der Weltliteratur über Menschen gedacht wird, die, ohne sich zu genieren, binnen kürzester Frist von einem Bett ins andere hüpfen und sich hernach noch wundern, wenn am Tag der raschen Neuvermählung das Eingemachte nicht mehr vermählung will; Das Volk ruft buh und erteilt der eilfertigen Braut, die, kaum ist der erste Mann beiseite geräumt, mit dem zweiten das Lager herrichtet, die gebührende Quittung.

In einem Monat getraut! Verruchte Hast! Nein, diesen Purzelbaum machten die Wähler nicht mit. Schamlosigkeit, die sich als Verantwortung ausgeben möchte (kaum ein Satz Genschers, in dem nicht von Verantwortung die Rede ist: Tiefenpsychologen sehen seit vierzehn Tagen einen von Kompensationszwängen gepeinigten Patienten vor sich)... Schamlosigkeit wurde nicht honoriert.

Hamlet aber, das Drama, ging weiter. Genscher und Kohl spielten, als hätten sie auf der Schulbank bei ein und demselben Lehrer die gleichen Phrasen gelernt, Rosenkranz und Güldenstern. Sagte der eine hüh, dann sagte der andere nicht etwa hott, sondern ebenfalls hüh: Nur keine Neuwahlen, wurde erklärt, im Staate Dänemark ist etwas faul, der Notstand herrscht, da müssen wir beiden Abhilfe schaffen.

Vergebens Friedrich Nowottnys energisches Mahnen, doch, bitte sehr, endlich zur Sache zu kommen: Rosenkranz-Kohl bewies einmal mehr, daß er Fragen nicht beantworten kann – er weicht aus und wiederholt, weil es so schön war, das bereits zweimal Gesagte ein drittes Mal – und was Güldenstern-Genscher betrifft, so machte er es seinem Vorredner nach, schwadronierte situationsfern drauflos und tat dabei so, als ob er, mit seinen drei Prozent unter den Füßen, ein kerngesunder Prinz Fortinbras sei: Nehmt auf die Leichen! (die anderen natürlich, nicht die eigenen). Gottlob, daß es in diesem Trauerspiel denn auch noch die Noblen und Ehrlichen gab – und zwar in allen Parteien: Willy Brandt zum Beispiel, der zumindest in behutsamer Rede den Skandal benannte – denn es ist einer! –, daß man die Grünen nicht mit an den Bonner Tisch gebeten hatte; Andreas von Schoeler, der sich dem Genschersehen Coup mit Elan widersetzte; Alfred Dregger, dem Güldenstern in letzter Sekunde den Weg in den Thronsaal versperrt hatte – Dregger, der, im Unterschied zu anderen Verlierern dieses Abends, souverän und selbstbeherrscht wirkte.

Ansonsten lief alles wie immer, nur, daß dank der Wahlmaschinen das ZDF bereits um 18.10 Uhr eine verläßliche Hochrechnung durchgehen konnte. Dafür holte dann die ARD dank rasch aufeinanderfolgender Meldungen auf, während das ZDF sich gütlich an den Rauchenden Colts tat: "Ganz egal, wie das Rennen ausgeht", sagte die schöne Heldin und nahm den Partner ihrer Wahl in den Arm, "ich bleibe bei dir." Womit man dann freilich auch wieder bei der Hessen-Wahl war und bei Hans Dietrich Genscher.

Genscher, der im Hamlet derzeit zugleich die Königin Gertrud und, im Doppelspiel mit Helmut Kohl, den Güldenstern mimt.