Man knipst das Licht an (und das Radio und den Fernseher und den Elektroherd und das Fließband und was sonst noch alles), an und aus. Man schreibt auf Schreibmaschinen, langt schnell zum Telephon, betäubt den Kopfschmerz mit Tabletten, man geht ins Kino, steigt aufs Rad oder in den Zug und denkt sich nichts dabei, rein gar nichts, warum auch. Und wer immer noch den Mut hat, sich eine Zigarette anzustecken, den treibt etwas ganz anderes als etwa das Bedürfnis, sich und der Welt seine Emanzipiertheit zu beweisen: Rauchen ist keine Demonstration mehr, sowenig wie die Banane zum zweiten Frühstück ein Anlaß ist, über die Praktiken internationaler Fruit Companies und ihre Freunde beim Geheimdienst und ihren Einfluß auf Bananenstaaten zu grübeln. Oder denkt einer in der Großkantine daran, daß das einmal mit dem Henkelmann angefangen hat, damals, früher, wann war das noch?

Natürlich nicht: Banalitäten, Alltagskram, von der Kultur allerhöchstens leicht gestreift. Aber halt, sagt da in Nürnberg das Institut, das sich schon mit seinem Namen gegen die Mißachtung; des Gewöhnlichen wendet – Centrum Industriekultur – und ihn als Programm versteht: Es will kulturgeschichtliche Betrachtungen "von unten her" anstellen. Was gemeint ist, erklärt der Untertitel seiner soeben eröffneten Ausstellung "Industriekultur": "Expeditionen ins Alltägliche" – einer originell inszenierten Vorführung im Straßenbahndepot des Nürnberger Stadtteils St. Peter.

Es werden dort Dinge vorgeführt, die der besonderen Aufmerksamkeit schon lange nicht mehr wert zu sein schienen, alte Bekannte, deren Bekanntschaft zu machen der große Reiz dieser Ausstellung ist. Es ist eine Begegnung mit uns selbst, vorgeführt am Beispiel von dreizehn industriellen "Leitfossilien", Gegenständen und Erscheinungen, die über ihre Dinglichkeit hinweg die alten Zusammenhänge des gesellschaftlichen Daseins durcheinandergebracht, bereichert und zugleich verarmt, erweitert und dennoch beschränkt, jedenfalls sehr verändert oder Illusionen ausgesetzt haben. Sie sind in dreizehn Zelten zu sehen, präsentiert wie teure Geschmeide beim Juwelier auf Samt und kleinen Podesten oder Pyramiden hinter Glas: Sie sollen neugierig machen. Die Fortsetzung findet ringsum an den Wänden jedes Fossilien-Zeltes statt, wo man mit Bildern, Gegenständen, hervorragend ausgesuchten Filmen und Szenen (und wenig Texten) angeregt wird: zur "Erinnerungsarbeit".

Ausgangspunkt ist jedesmal das industrielle Leitfossil. Zu ihnen zählt – neben denen, die am Anfang genannt waren – auch die "neue Frau" und das (für die Filmprojektion erfundene) Malteserkreuz; auch die tödliche Fiktion der unsinkbaren "Titanic" (der Fortschrittsglaube und der Gigantismus) gehört dazu, die Spalttablette und die Schiene, der Wecker und der ausgeträumte Traum vom Zeppelin. Alles das soll "neue Gedanken wecken", dabei helfen, die Gegenwart durch die Vergangenheit zu verstehen, soll zu Assoziationen anstiften und auch an Binsenwahrheiten erinnern wie die, daß die Menschen ihre Erfindungen im Handumdrehen zu mißbrauchen und zu verderben lieben: Mit dem Lichtschalter haben sie die Nacht abgeschafft, und kaum hatte die Elektrifizierung der Welt angefangen, da beleuchteten sie schon Baustellen bei Nacht, verjagten sie im Sudankrieg den Feind mit Scheinwerfern, vergnügten sie sich mit Flutlicht am Strand von Long Island, träumten in Filmen vom künstlichen Menschen, den sie mit Blitz und Donner zu erwecken hofften.

Von der "Titanic" zur "Amoco Cadiz"; vom Malteserkreuz über den Kinopalast zum Videoporno in der Kleinbürgerstube; vom Volksnahrungsmittel Banane zum unterdrückenden Bananenstaat; von der rauchenden, emanzipierten Sekretärin zur Schreibsaalgaleere; vom Henkelmann zur pflegeleichten Massenkantine, in der der Esser mit dem Firmenausweis zahlt und dabei über das Personeninformationssystem seine Speisenauswahl preisgibt oder: von der heißen Suppe zur Datenbank. Es ist lohnend, sich zu erinnern, "wie sich Dinge, Ereignisse, Bilder, Zeugnisse, Gedanken und Gefühle gegenseitig beeinflussen und welche sie zeitigen". Es ist gut, sich beim Lichtanknipsen manchmal etwas zu denken. Manfred Sack